Sport : Hanseatisch frisch

Der Hamburger SV setzt auf junge Spieler

Karsten Doneck

Wer hat das Sagen? In der Führung herrscht Sachlichkeit. Großmäuligkeiten wie unter den Ex-Präsidenten Peter Krohn und Jürgen Hunke gibt es nicht mehr. Dietmar Beiersdorfer als Sportchef redet so bedächtig, dass ihm ohnehin nie ein falsches Wort herausrutscht. Bernd Hoffmann, der Präsident, hält sich mit öffentlichen Äußerungen meist hanseatisch vornehm zurück, soll aber bei Spielertransfers ein schwieriger Verhandlungspartner sein. Und von Udo Bandow, dem Chef des Aufsichtsrates, kommen auch nur moderate Töne. Wenn es etwas zu erklären gibt, schickt der HSV gerne das Vorstandsmitglied Katja Kraus vor. Ihr Charme erschlägt jede Nörgelei.

Was hat sich verbessert? Vor allem die langfristige Perspektive. Der HSV hat sich getrennt von den Spielern, die bald eher an Altersversorgung denken müssen als an Fußballspielen. Barbarez (34) ging nach Leverkusen, Beinlich (34) nach Rostock, Ailton (33) nach Irgendwo, auch van Buyten (28) ist weg. Der Ersatz kommt jugendlich-frisch daher: Kompany ist 20, Guerrero 22, Sanogo 23. Allesamt sind sie ein Stück Zukunft. Wann aber beginnt diese? Kritiker meinen, die Mannschaft sei zurzeit zu jung, um Großes zu leisten.

Wie sicher ist der Job des Trainers? Thomas Doll ist so unverrückbar wie der Hamburger Michel. Er genießt Sympathien wie vor ihm zuletzt Ernst Happel, ohne dass er auch nur annähernd die Erfolge des Österreichers aufweisen könnte. Im Gegensatz zu dem knorrig-zugeknöpften Happel überzeugt Doll durch seine offene Art. Er lebt Fußball vor, seine Begeisterung steckt an.Warum also diesen Trainer entlassen? Nun, sollte der HSV abseits der Tabellenplätze spielen, die zur Europacup-Teilnahme berechtigen, würde es selbst für Doll eng werden.

Welche Taktik ist zu erwarten? Im Ligapokal-Halbfinale bei Werder Bremen ließ Doll mal mit nur einer Spitze – Guerrero – stürmen. Gefallen hat ihm das selbst nicht so richtig, wie er nachher zugab. Zur Pause korrigierte er den kleinen Missgriff, indem er mit Sanogo einen zweiten Angreifer einwechselte. Hinter die beiden Spitzen wird der HSV wieder seine Spitzenkraft Rafael van der Vaart stellen. Der wiederum ist Kopf der Mittelfeld-Raute, in der besonders die Position zentral vor der Abwehr heiß umkämpft ist: Wicky, de Jong und Demel kommen in Frage. In der Abwehr weckt die Innenverteidigung Neugier: Wie kommen Boulahrouz und Kompany miteinander aus? Der eine, Boulahrouz, steigt gerne mal kompromisslos ein, der andere, Kompany, sucht in Zweikämpfen häufig die elegant-technische Lösung.

Welche Platzierung ist möglich? Am FC Bayern und Werder Bremen kommt der HSV wieder nicht vorbei. Aber dahinter beginnt das kleine erlesene Feld der Vereine, die um Platz drei streiten. Schalke, Dortmund, Leverkusen, vielleicht Stuttgart – und der HSV. Die Reihenfolge ist veränderbar.

Wer sind die Stars? 7,5 Millionen Euro für Kompany, 5,1 Millionen für van der Vaart – daraus ergibt sich schon, wer die größten Erwartungen weckt. Aber Vorsicht! Benjamin Lauth kostete auch 4,35 Millionen, aber auf den Durchbruch wartet der Stürmer noch. Heimlicher Liebling des Hamburger Publikums ist Thimothee Atouba. Sein Umgang mit dem Ball ist derart virtuos, dass Präsident Hoffmann dem Abwehrspieler unterstellte, er habe „eine Bewerbung für den Zirkus Krone abgeliefert“.

Wie sind die Fans? Fünf Heimniederlagen leistete sich der HSV in der vorigen Saison. Der Fan verzeiht es. Mit 50 813 Zuschauern im Schnitt hatte der HSV in der AOL-Arena eine Auslastung von knapp über 90 Prozent. Lange Zeit war allein das Stadion Hauptanziehungspunkt der Menschen, jetzt ist es auch der HSV. Erfreulich: Die Hooligan-Szene verschafft sich im Wohlfühlklima der AOL-Arena kein Gehör mehr. Das war im Volksparkstadion noch anders.

Wer war der WM-Held? Der HSV hatte viele WM-Teilnehmer. Aber Helden? Mahdavikia, van der Vaart, Wicky, Demel und andere – irgendwie war die WM für Hamburger Profis früh zu Ende. Der Hamburger Hauptdarsteller war ein unrühmlicher. Für den Holländer Khalid Boulahrouz endete die WM im Spiel gegen Portugal mit einem Platzverweis.

Morgen: Werder Bremen

Die gesamte Serie im Internet: www.tagesspiegel.de/bundesliga

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