Sport : Harmonie auf der Schanze

Unter dem neuen Bundestrainer Wolfgang Steiert hofft der Skiverband auf alte Erfolge

Benedikt Voigt

Kuusamo/Berlin. Vielleicht kann Hans Mahr seinen österreichischen Pass als Entschuldigung dafür anführen, dass er sich neulich vor dem Brandenburger Tor irrte. „In der Gegend von Cottbus soll es ja auch ein paar Berge geben“, erzählte der RTL-Informationsdirektor forsch, aber ahnungslos. Irgendwie musste er ja die seltsame PR-Aktion seines Fernsehsenders in Berlin rechtfertigen, bei der RTL für einen halben Tag die Straße des 17. Juni teilweise sperren ließ. Der Sender hatte im Herzen Berlins eine Sprungschanze errichtet, um den Beginn der Wintersaison im Skispringen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. „Es hat Änderungen gegeben“, sagt der Senderchef, „deswegen glaube ich, dass es eine harmonische Saison wird.“

Er meint den neuen Bundestrainer Wolfgang Steiert. Der wird heute erstmals in der Wintersaison in Kuusamo (17.20 Uhr, live in ZDF und Eurosport), wo gestern ein zu starker Wind das Abschlusstraining und die Qualifikation verhinderte, das Zeichen zum Start geben. Der 40-Jährige löste Reinhard Heß ab, der zehn Jahre lang die deutschen Springer in die Spur gewinkt hat. Hans Mahr begrüßt das, sein Sender hatte mit dem alten Bundestrainer Probleme. „Jemand, der an allem Bösen dem Fernsehen die Schuld gibt, ist kein Garant für eine Kooperation“, sagt der RTL-Chef. „Dass Fernsehen und Sport kooperieren müssen, hat sich bis zum alten Bundestrainer nur bedingt herumgesprochen.“ Trotz aller Widrigkeiten will er keinen Druck auf den Skiverband ausgeübt haben, um den Trainerwechsel im März zu fördern. „Das war eine Frage des Verbandes“, sagt der RTL-Informationsdirektor.

Doch der Übergang war alles andere als reibungslos. „Wir wissen alle, dass das nicht glücklich lief“, sagt der Skispringer Martin Schmitt. Nach schlechten Ergebnissen bei der Weltmeisterschaft hatten sich Athleten und Funktionäre gegen Reinhard Heß gewendet und den neuen Mann installiert. „Ich habe drei, vier Wochen lang gelitten“, sagte Heß nun dem Sportinformationsdienst, „aber ich versinke nicht in Griesgram.“

Seit Sommerbeginn beaufsichtigt nun der ehemalige Kotrainer Deutschlands Elite im Skispringen. Wer sich die erste Bilanz des neuen Cheftrainers anhört, kann, wenn er will, stets auch eine versteckte Kritik am alten Trainer hören. „Es ist wieder eine Aufgeschlossenheit in der Mannschaft eingekehrt“, sagt DSV-Sportdirektor Wolfgang Pfüller, „das Team harmoniert jetzt.“ Martin Schmitt erklärt: „Wolfi hat die Mannschaft gut im Griff, er legt sehr viel Wert auf Disziplin.“ Und Steiert sagt: „Wir haben ein gut funktionierendes Trainergespann.“ Dass das im letzten Jahr nicht mehr so gewesen ist, kann auch an ihm gelegen haben. Seine Ambitionen auf den Chefposten hat er mehrmals öffentlich kundgetan.

Allerdings hatte der altväterliche Heß den Kontakt zu den entscheidenden Springern verloren. Ganz anders Steiert, der als Heimtrainer von Schmitt und Sven Hannawald eine persönliche Beziehung zu den beiden Besten pflegte. In seiner neuen Rolle ist das anders. „Ich habe mich am Anfang bewusst zurückgezogen“, sagt Steiert, „aber jetzt beginnt die individuelle Betreuung.“ Den Vergleich mit seinem Vorgänger wird sich Steiert in dieser Saison noch länger gefallen lassen müssen. „Der Erfolg wird gemessen an den vergangenen Jahren“, sagt Pfüller.

Die sportliche Bilanz seines Vorgängers fällt äußerst positiv aus, doch Steiert weiß das auch für sich zu nutzen. „Wir haben zehn Jahre lang Erfolg gehabt“, sagt der neue Chef, „aber ich hatte auch meinen Anteil daran.“ Trotzdem ist der Druck auf ihn hoch. „Wir erwarten uns sehr viel von diesem Team“, sagt der DSV-Sportdirektor. Mit dem beruflichen Aufstieg ging privates Unglück einher. Neuerdings lebt er getrennt von seiner Ehefrau Carmen, mit der er zwei Kinder hat. Seit seinem Amtsantritt hat Wolfgang Steiert acht Kilogramm abgenommen.

Ruhiger kann es Reinhard Heß angehen lassen. Er kümmert sich nun im DSV um die Nachwuchsspringer und wird die neue Saison als TV-Kommentator in der ARD begleiten. Eine Wendung, die sogar Hans Mahr begrüßt. „Sagen wir es so“, erklärt der RTL-Chef, „als Kollege ist er mir lieber.“

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