Sport : Harmonie aus Überzeugung

Damit Hertha BSC nicht wieder böse überrascht wird, setzt der Klub auf weiche Standortfaktoren: Teamgeist und Leidenschaft

Stefan Hermanns[Walchsee]

Tief im Keller des Mannschaftshotels von Hertha BSC hat sich in der vergangenen Woche eine Szene abgespielt, an der Dieter Hoeneß vermutlich seine Freude gehabt hätte. Artur Wichniarek und Alexander Mladenow hatten sich nach dem Abendessen zum Tennisspielen verabredet, und weil Marcelinho nichts Besseres vorhatte, ist er gleich mitgegangen. Zunächst hat der Brasilianer nur zugeschaut, doch dann fing Herthas bester Fußballer damit an, für seine beiden Kollegen den Balljungen zu geben. Solche Spieler wünscht sich Dieter Hoeneß, der Manager des Fußball-Bundesligisten – Leute, die sich nicht zu schade sind, für andere die Drecksarbeit zu machen.

Während des Trainingslagers in Tirol hat Hoeneß seine Hoffnung geäußert, „dass die Mannschaft sich darüber im Klaren ist, dass sie nur als Team erfolgreich sein kann“. Das sollte die Erkenntnis aus der vergangenen Saison sein, als Hertha bis zum vorletzten Spieltag im Abstiegskampf steckte. Wenn das verlorene Jahr überhaupt etwas Positives hätte, dann wäre es diese Einsicht. „Wir haben es überlebt“, sagt Mittelfeldspieler Pal Dardai, „deshalb war die Erfahrung nicht schlecht.“

Das Mannschaftsgefüge zu stärken war deshalb eines der vorrangigen Ziele in Herthas zehntägigem Trainingslager. „Wir sind schon auf einem sehr guten Weg“, sagt Hoeneß, und Trainer Falko Götz hat festgestellt, dass in der Mannschaft „Harmonie und ein gewisser Zusammenhalt vorhanden sind“. Er hat versucht, diese Tendenzen auch außerhalb des Fußballplatzes zu fördern: bei einer Fahrradtour, auf der Sommerrodelbahn und mit einer Paddeltour auf dem Walchsee. Einmal ging es in einem Trainingsspiel darum, wer sich bei der nächsten Mahlzeit bedienen lassen durfte. Abends mussten dann die Verlierer wie auf dem Trainingsplatz gelbe Leibchen anziehen und ihren Kollegen das Essen servieren. „Die Stimmung ist gut“, sagt Pal Dardai.

Das Problem ist, dass die Stimmung auch im vorigen Jahr gut war. So gut, dass die Mannschaft sich einen Platz in der Champions League zum Ziel setzte und Dardai seinen fast schon legendären Satz sprach: „Ich spüre, es wird etwas Schönes mit uns geschehen.“ Heute sagt er, dass er damals wirklich davon überzeugt gewesen sei, „und jetzt bin ich auch überzeugt“.

Irgendetwas muss also anders sein als im vergangenen Jahr, wenn die Berliner so optimistisch der Saison entgegensehen. Auch Hoeneß sagt: „An der Vorbereitung lag es letztes Jahr nicht.“ Doch Herthas Zuversicht beruht zu einem großen Teil auf einem Gefühl, denn entschieden anders als im vorigen Sommer sind die Rahmenbedingungen diesmal nicht. Der neue Trainer spielt eine wichtige Rolle, Falko Götz, der schon einmal mit Hertha erfolgreich war. Im vorigen Jahr waren die Berliner allerdings auch davon überzeugt, mit Huub Stevens einen erstklassigen Trainer zu haben.

Einen großen personellen Umbruch hat es vor dieser Saison ebenfalls nicht gegeben. Die Mannschaft wurde punktuell verstärkt – genau wie im vergangenen Jahr, als alle glaubten, die Neuen, Fredi Bobic, Niko Kovac und Artur Wichniarek, könnten die Mannschaft entscheidend voranbringen. In der Theorie sind alle Verpflichtungen plausibel: Yildiray Bastürk soll Marcelinho entlasten, Gilberto das Offensivspiel beleben. Doch in der Praxis fehlt Bastürk zunächst einmal wegen einer Verletzung. Und Gilberto hat einen Teil der Vorbereitung verpasst. Gestern kam er im Testspiel gegen Partizan Belgrad in Erlenmoos immerhin für eine Stunde zum Einsatz und bereitete das 1:0 durch Michael Hartmann vor. Wichniarek erzielte ebenfalls ein Tor, und am Ende gewannen die Berliner 2:1.

Hertha setzt jetzt auf weiche Standortfaktoren: auf Teamgeist, Zusammenhalt, Leidenschaft. Die erste Prüfung für die neue Harmonie wird die Integration der vier EM-Teilnehmer. Fredi Bobic, Arne Friedrich, Josip Simunic und Niko Kovac steigen erst heute ins Training ein. „Die Mannschaft muss sich nicht an die vier gewöhnen, die vier müssen sich an die Mannschaft gewöhnen“, sagt Götz. Er glaubt, dass dies ohne Konflikte ablaufen wird: „Wenn jeder weiß, was er zu tun hat, sehe ich keine Gefahren.“

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