Sport : Hart im Nehmen

Nach dem Ausscheiden bei der Eishockey-WM ist das deutsche Team traurig und stolz

Sven Goldmann,Claus Vetter

Von Sven Goldmann

und Claus Vetter

Helsinki. Vielleicht hat das alles mit Boris Becker angefangen. 1987, bei dieser Daviscup-Partie in Hartford, als er den großen John McEnroe über den Platz hetzte, nach sechseinhalb Stunden gewann und später das Wort von seiner „mentalen Stärke“ prägte. Seitdem spricht man in Nordamerika respektvoll von deutschen Sportlern, die Spiele nicht mehr nur mit Muskelkraft gewinnen können, sondern mit dem Kopf, mit eisernem Willen – auch wenn das Talent nicht unbedingt auf ihrer Seite ist.

So ungefähr sah das am Mittwochnachmittag beim Viertelfinale der Eishockey-Weltmeisterschaft in Turku aus. Die Deutschen lagen scheinbar hoffnungslos 0:2 hinten und fanden doch zurück ins Spiel. Sie schafften den Ausgleich, und am Ende waren es die Favoriten aus Kanada, die mit weichen Knien über das Eis rutschten. „Mein Gott, diese Deutschen! Die haben nie angefangen, an sich zu zweifeln. Auch nicht, nachdem wir 2:0 geführt und das Spiel wirklich dominiert haben“, sagte Eric Brewer. „So etwas sieht man nicht oft im Eishockey.“

Das ist schon mal bemerkenswert, weil dieser Eric Brewer ziemlich viele Eishockeyspiele sieht. Der Verteidiger von den Edmonton Oilers zählt zu den wenigen Stars, die Team Canada bei dieser Weltmeisterschaft in Finnland aufgeboten hat. Die netten Worte über den Außenseiter kamen ihm so leicht über die Lippen, weil es am Ende doch noch zu einem Sieg gereicht hatte und er selbst daran nicht ganz unbeteiligt war. Brewers Schlagschuss von der blauen Linie beendete nach 37 Sekunden der Verlängerung den Traum der Deutschen, erstmals in ein WM-Halbfinale einzuziehen. So nah wie beim Spiel in der Elysee-Arena von Turku war eine deutsche Mannschaft in den vergangenen Jahrzehnten noch nie dran.

Das blöde Gegentor

Das plötzliche Ende war nicht frei von Tragik. „Acht Sekunden, bevor unsere Strafzeit abgelaufen ist, kassieren wir dieses blöde Gegentor“, sagte Torwart Robert Müller von den Krefeld Pinguinen. „Da hat wieder mal alles zusammengepasst, wir hatten im entscheidenden Moment kein Glück." Freuen mochte sich niemand über das ehrenhafte Ausscheiden – und das unterscheidet die Nationalmannschaft beim Turnier von Finnland von ihren Vorgängerteams. Auch Bundestrainer Hans Zach wirkte nach dem abrupten Ende verärgert. „Ich hatte schon vorher das Gefühl, dass wir näher als sonst dran waren“, sagte Zach mit heiserer Stimme. „Ich hatte mich nicht getäuscht.“

Auf ein Scheitern im entscheidenden Moment ist die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft abonniert. Ein wenig erinnerte das Spiel von Turku an jene Partie aus dem Jahre 1992, als Peter Draisaitl im Viertelfinale bei den Olympischen Winterspielen von Albertville einen Penalty verschoss und Deutschland an Kanada scheiterte. Seit damals hat sich allerdings viel geändert. Der Mannheimer Draisaitl war in der Bundesliga ein Star, seine Nachfolger sind in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) meist nur bessere Mitläufer. Den Ton geben in der DEL zumeist Spieler aus Nordamerika an, in fast allen Umkleidekabinen der Liga ist die Umgangssprache Englisch.

Bei der Nationalmannschaft fühlen sich die in der DEL oft weniger beachteten Spieler wohl. „Hier hat keiner Starallüren“, sagt Zach und schwärmt vom funktionierenden Kollektiv, das „inzwischen für seinen Kampfgeist berühmt geworden ist“. Weitere Aufwertung erfährt der Achtungserfolg von Finnland, weil die vier deutschen Spieler aus der NHL fehlten und zudem im Verlauf des Turniers vier weitere Spieler verletzt ausfielen, darunter Sven Felski vom EHC Eisbären aus Berlin. Felskis Verletzung stellte sich bei der Untersuchung am Donnerstag in München als Anriss des linken Kreuzbandes heraus. Ihm droht zwar nicht, wie zunächst befürchtet, das Karriereende, aber doch eine Zwangspause von bis zu sechs Monaten.

Die Fortschritte des deutschen Eishockey-Teams lassen sich auch statistisch leicht erfassen. Noch bei der WM 2001 in Köln und Hannover hatte ein einziger Sieg gegen die Schweizer und zwei Unentschieden gegen Tschechien und Kanada zu Platz acht gereicht. Diesmal gab es drei Siege und ein bemerkenswertes Remis gegen Gastgeber Finnland. Das reichte in der Endabrechnung zu Platz sechs, noch vor den Russen. Und die sind den Deutschen doch eigentlich eine Ewigkeit voraus.

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