Sport : Harte Arbeit hat den Profi auf Platz eins der Tennis-Weltrangliste gebracht

Dietmar Wenck

Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre haben sich in Wimbledon Boris Becker und Stefan Edberg große Endspiele geliefert. Zwei Mal gewann der Schwede, ein Mal der Deutsche. In Filipstad, einem Nest in Mittelschweden, saß damals der kleine Magnus vor dem Fernseher und drückte seinem Landsmann die Daumen. Weil er so begeistert vom Tennisspiel Stefan Edbergs war, hat ihm seine Großmutter den ersten Schläger geschenkt. Andere Jungs in Filipstad müssen auch Großmütter oder sonst jemanden gehabt haben, der bereit war, ein paar hundert Kronen zu investieren. Von da an spielte Magnus Norman an jedem Sommertag stundenlang mit seinen Freunden. Zumindest in seinem Fall lohnte sich die Investition. Seit seinem Sieg beim Turnier in Rom in der vorigen Woche ist der 23-Jährige die Nummer eins im Champions Race, der momentan erfolgreichste Tennisspieler der Welt. Als vierter Schwede nach Björn Borg, Mats Wilander - und Stefan Edberg.

Bemerkt hat diesen Aufstieg in seiner Heimat kaum jemand. Als der große Magnus in Rom seinen bisher größten Erfolg feierte, hat ihm in Schweden keiner zusehen können. Das Turnier wurde dort nicht übertragen. Dass er auch sonst von der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen wurde, obwohl er schon im Vorjahr die Turniere in Orlando, Stuttgart-Weissenhof, Umag, Long Island und Shanghai gewann und auf Rang 15 der Weltrangliste kletterte, stört Norman wenig. Im Gegenteil: "Eine perfekte Situation für mich", sagt er. Interviews gibt der gut Deutsch sprechende Schwede ungern. Schon gar nicht, wenn es um eine Herzens-Angelegenheit geht, die vor zweieinhalb Jahren seine Karriere zu beenden drohte. Wegen Herzrhythmusstörungen musste Norman eine fünfstündige Operation über sich ergehen lassen. Ob er daran noch manchmal denke? "Nur, wenn ich danach gefragt werde", antwortet er etwas unwillig. Hat er denn noch Probleme mit dem Herzen? "Darauf antworte ich nicht." In jedem Fall hat Norman ein Kämpferherz. In Wimbledon musste er 1997 in der zweiten Runde gegen den Kroaten Goran Ivanisevic 46 Asse über sich ergehen lassen. Gewonnen hat er trotzdem - 14:12 im fünften Satz.

Früher galt Magnus Norman als sehr emotional, als untypischer Schwede unter all seinen stoischen Landsleuten. "Als ich jünger war, war ich völlig verrückt", sagt er. Doch nun hat er seine Gefühle besser im Griff. Seine Eltern hatten ihn zu Percy Rosberg geschickt, der auch den jugendlichen Björn Borg eine Weile trainiert hatte. Norman ließ das Bandy-Spiel sein, eine dem Eishockey ähnliche Sportart ohne harten Körperkontakt. Er begann, immer härter an seiner Tennis-Karriere zu arbeiten. Magnus Normans Prinzip: "Jeder hat die Chance, durch harte Arbeit nach vorn zu kommen. Und ich glaube, ich bin derjenige, der dies von allen am härtesten tut."

Über zweieinhalb Millionen Dollar Preisgeld hat Norman als Profi seit 1995 verdient, 800 000 allein in diesem Jahr. Um Steuern zu sparen, zog er wie viele seiner Landsleute nach Monte Carlo. Seine Lieblingsturniere sind dennoch jene in Bastad und Stockholm, die einzigen schwedischen auf der ATP-Tour: "Es ist schön, vor heimischem Publikum zu spielen." Sein erster Turniersieg gelang ihm 1997 in Bastad. Auch in Hamburg zählt Norman zu den Favoriten. Gestern bezwang er im Achtelfinale den Marokkaner Younes El Aynaoui und trifft nun auf Gustavo Kuerten aus Brasilien.

Wenn aber Stefan Edberg sein Idol war, warum spielt er dann so ganz anders als jener, nämlich fast ausschließlich von der Grundlinie? "Eine Zeitlang habe ich versucht, ihn zu kopieren", sagt Magnus Norman. "Dann habe ich meinen Stil verändert - und angefangen, Spiele zu gewinnen."

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