Sport : Harte Landung

Dortmund ist nach dem Erfolg in der Champions League zurück im Tagesgeschäft – mit Punktverlusten und Problemen

Felix Meininghaus

Dortmund. Matthias Sammer ist ein vorausschauender Mensch. Als der Trainer Mittwochnacht nach dem beeindruckenden Sieg gegen Arsenal London um eine Einschätzung gebeten wurde, wie er die Entwicklung von Borussia Dortmund zur europäischen Spitzenmannschaft beurteile, hat der 35-Jährige in die Journalistenrunde geschaut und geantwortet, Fußball sei ein Tagesgeschäft: „Ich möchte eure Fragen nicht hören, wenn wir gegen Hamburg nicht gewinnen.“

Es ist so gekommen, wie es Sammer befürchtet hatte, und natürlich sah er sich nach dem blamablen 1:1 im Westfalenstadion genau mit den Fragen konfrontiert, die er sich gern erspart hätte: Warum seine Spieler den mühsam herausgespielten Vorsprung so leichtfertig hergegeben hatten, ob das plötzliche Nachlassen eine Frage der Kraft gewesen sei und vor allem, ob die Doppelbelastung in Champions League und Liga im Meisterschaftsrennen mit den Bayern zum entscheidenden Nachteil werden könne.

Sammer musste die passenden Antworten finden nach einer Partie, die so gar nicht nach dem Gusto des erklärten Perfektionisten gelaufen war. Schließlich hatten es die Dortmunder auf fahrlässige Weise versäumt, zumindest für den Moment mit den Bayern gleichzuziehen. Dass sich die Dortmunder so schwer taten und 69 Spielminuten benötigten, bis sie durch Tomas Rosicky den Ball im gegnerischen Tor unterbringen konnten, hatte indes auch Sammer mitzuverantworten. Der hatte nämlich durch seine Rotation (Heinrich, Reuter, Amoroso rein und dafür Ricken, Ewerthon, Kehl raus) dafür gesorgt, dass der BVB im Vergleich zum Spiel gegen Arsenal mit einer defensiveren Grundformation antrat.

Und das ausgerechnet gegen den HSV, der die Reise als harmloseste Auswärtsmannschaft angetreten hatte. Sammer wird seine Lehren aus dem Unentschieden ziehen: Wer im Mittwoch-Samstag-Rhythmus bestehen will, muss nicht nur international, sondern auch beim Bundesliga-Alltag mutig aufstellen und couragiert agieren.

Dennoch hätte es auch so für einen knappen Erfolg gereicht, wenn sich die Dortmunder nach der Führung wie ein Spitzenteam verhalten hätten. Warum eine Mannschaft, die so zielgerichtet auf ein minimales Erfolgsergebnis spielt, nach dem 1:0 dermaßen den Faden verliert, blieb unergründlich. Das naive Auftreten seiner Spieler trieb Sammer die Zornesröte ins Gesicht: „Dass wir uns nach dem Europapokal schwer tun, war uns klar. Aber wenn ich 1:0 führe, muss ich solch ein Spiel nach Hause bringen.“

So verdiente sich der HSV den Ausgleich durch den eingewechselte Kim Christensen redlich. „Wir haben um dieses Tor gebettelt“, sagte Nationalspieler Sebastian Kehl, was Manndecker Christian Wörns vor allem als mentale Schwäche deutete: „Da muss noch mehr über den Willen kommen. Du musst bereit sein, dir auch in den letzten zehn Minuten den Arsch aufzureißen.“ Torhüter Jens Lehmann geißelte das Abwehrverhalten seiner Vorderleute in der Schlussphase als „anfängerhaft. Da hat man gesehen, dass wir keine Routine haben in solchen Situationen.“ Der erste Auftritt nach dem Triumph gegen Arsenal offenbarte, dass es Gesprächsbedarf gibt beim Deutschen Meister.

Auch das Auftreten von Marcio Amoroso gibt Anlass zum Nachdenken: Zum dritten Mal durfte der exzentrische Star gegen Hamburg nach langer Verletzungspause von Beginn an auflaufen – so wie er das immer wieder vehement gefordert hatte –, zum dritten Mal blieb der Brasilianer weit hinter seinen Möglichkeiten. Derzeit wirkt der Torschützenkönig der vergangenen Spielzeit im Spiel des BVB wie ein Fremdkörper. Als Amoroso nach einer Stunde Spielzeit durch seinen Landsmann Ewerthon ersetzt wurde, spazierte er mit abfälligen Gesten schnurstracks in die Kabine, während sich der gleichzeitig ausgewechselte Kapitän Stefan Reuter auf der Bank niederließ. Der Abgang des Stars machte deutlich, dass diese Personalie für das BVB-Ensemble reichlich Konfliktstoff bereit hält. Betont diplomatisch äußerte sich Trainer Sammer. „Der Kapitän“, sagte Sammer, „hat sich richtig verhalten.“

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