Sport : Harte Welle

Der Rostocker Trainer Jörg Berger streicht seinen Spielern die freien Tage, der Verein droht sogar mit weiteren Kündigungen

Stefan Hermanns

Berlin - Jörg Berger hat seine Pläne am Samstag kurzfristig umgeschmissen. Eigentlich wollte der Trainer mit seiner Mannschaft nach dem 0:4 in Wolfsburg zurück nach Rostock fahren, „weil das nach einer solchen Niederlage wichtig ist“. Doch dann hat er sich dazu entschieden, am Sonntag den nächsten Gegner Borussia Mönchengladbach zu beobachten. Ein ganz wichtiges Spiel werde das am Wochenende, sagt Berger, „es kann vielleicht die allerletzte Chance sein“. Und wahrscheinlich war es ihm ganz recht, dass er seine Spieler erst einmal nicht sehen musste. Zum Abschied hat er ihnen noch mitgeteilt, dass es für sie keine freien Tage mehr geben werde. Alles Weitere wird er ihnen heute erzählen. Der frühere Berliner Michael Hartmann hofft, „dass wir dann mal darüber reden, wie es im Großen und Ganzen weitergehen soll“.

Ein nettes Plauderstündchen mit ihrem Trainer sollten die Rostocker angesichts der fast aussichtslosen Situation in der Fußball-Bundesliga allerdings nicht erwarten. Gerade 13 Punkte hat der Tabellenletzte bisher geholt, seit 14 Spielen ist er ohne Sieg, der Abstand zum ersten Nichtabstiegsplatz beträgt zehn Punkte. Doch was die Mannschaft in Wolfsburg gezeigt hat, „das hatte mit Abstiegskampf nichts zu tun“, sagt Hartmann.

Berger ist zu einer ähnlichen Beurteilung gekommen. „Ich habe bei einigen keinen Kampf, keine Gegenwehr und keine Emotionen gesehen. Das kann ich nicht akzeptieren“, sagt er. Deshalb will sich der Trainer künftig auch nicht mehr schützend vor die Spieler stellen. „Ich werde mich ändern“, sagt er. Dieser Imagewandel hat sich schon in der vorigen Woche angedeutet, als Razundara Tjikuzu nach einem Ausflug ins Nachtleben vom Verein die fristlose Kündigung erhielt, Berger die Berufsauffassung einiger Spieler öffentlich in Frage stellte und ihnen zur Bewusstseinserweiterung den Besuch des Arbeitsamtes empfahl. Wahrscheinlich, so ist aus dem Verein zu hören, werden sie dort neben Tijkuzu bereits in dieser Woche weitere frühere Kollegen antreffen.

In Hansas Internetforum hat ein Fan eine Verbindung hergestellt zwischen der Minderleistung am Samstag und Bergers öffentlicher Schelte zwei Tage zuvor: „Ich nehme an, es ging gegen den Chef.“ Michael Hartman bestreitet dies: „Da gibt es keinen Zusammenhang.“ Bergers Maßnahmen finden auch bei Aufsichtsratschef Horst Klinkmann „volle Unterstützung“, und der Trainer selbst sieht sich durch das Auftreten einiger Spieler in Wolfsburg eher bestätigt: „Das zeigt, dass ich den Kern getroffen habe.“ Wenn man seinen Ausbruch für das schlechte Auftreten verantwortlich mache, „sucht man schon wieder nach Alibis. Das wäre das Allerleichteste. Die Spieler hatten ja die Chance, eine Reaktion zu zeigen.“

Weil sie das versäumt haben, droht dem Verein nun ein langes, quälendes Siechtum bis zum Ende der Saison. „Die Hoffnung, dass Hansa mal eine Serie hinlegt, wird immer geringer“, sagt Klinkmann. Um die zur Rettung nötigen 40 Punkte zu holen, müsste die Mannschaft neun der letzten zwölf Spiele gewinnen. Bisher ist die Mannschaft auf zwei Saisonsiege gekommen – in 22 Spielen. Und unter Jörg Berger, der eigentlich als Experte für aussichtslose Fälle gilt, hat Hansa in neun Versuchen noch gar nicht gewonnen. „Das habe ich auch noch nicht erlebt“, sagt Berger. „Aber man muss immer positiv denken.“

Mit dieser Einstellung steht der Trainer inzwischen ziemlich alleine da. Die Stimmung in Rostock schwankt zwischen Resignation, Trotz und Wut. In der Anonymität des Internets wird sogar zur Gewalt aufgerufen: „Vielleicht können 50 Vermummte den Versagern ja mal die Lage verdeutlichen.“ Dabei sollte ein Blick auf die Tabelle eigentlich reichen.

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