Sport : Hartplatz als klassisches Eigentor?

ERNST PODESWA

HAMBURG .Der Davis-Cup ist seit je her der Tenniswettbewerb mit dem größten Überraschungsgehalt.Nicht selten scheitern Titelverteidiger frühzeitig oder beißen vermeintliche Filzball-Großmächte gegen Außenseiter ins Gras.Weil eine gewisse Vorteilsnahme der Gastgeber durch das Regelwerk legalisiert wird - durch die Wahl des Bodenbelags.Jener muß nur international üblich und zugelassen sein.Und so spielen denn die Hausherren auf dem, was ihnen helfen könnte: Briten oder Inder zumeist auf Rasen, Südländer auf tiefem Sand und Rekordgewinner USA mit Vorliebe auf Hartplätzen.Die Deutschen aus der Mitte Europas aber wissen oft nicht so recht - abgesehen von der kälteren Jahreszeit, in der natürlich in der Halle gespielt wird -, was ihnen zum Vorteil gereicht.

Mitunter greifen sie denn auch bei der Qual der Wahl kräftig daneben.So wie 1994, als sie gegen Rußland das schöne Rot-Ziegelmehl auf dem Centre Court des Stadions am Rothenbaum mit dem stumpfen Grün eines Hardcourts überdeckten und sang- und klanglos 1:4 die Segel streichen mußten.

"Da war ich nicht dabei", sagt anno 1998 Teamchef und Noch-Doppelspieler, Boris Becker (30), fast trotzig.Er glaubt nicht ganz unbegründet, in den wiederholten Fragen nach dem Warum des Hartplatzes auch diesmal gegen Schweden Zweifel herauszuhören.In der Tat sehen nicht wenige Begleiter des deutschen Davis-Cup-Teams im Entscheid dafür schon vor dem ersten Ballwechsel die Vorlage zu einem klassischen Eigentor."Der Belag kommt beiden Mannschaften gleichermaßen entgegen", räumt denn auch Kapitän Carl-Uwe Steeb ein."Allerdings ist es auch schwer, einen Boden zu finden, der den Schweden nicht zusagt.Also sind wir davon ausgegangen, was unseren beiden Einzelspielern Haas und Kiefer liegt." Mindestens ebenso bedeutsam dürften - auch wenn sie nicht erwähnt werden - jedoch Beckers Intentionen gewesen sein.Eine Hilfe für die Mannschaft im Doppel und eine Option im Einzel kann der Ausnahmespieler, der ein göttliches Verdikt gegen einen Turniersieg auf Sand gegen sich vermutet, nur auf schnellen Böden sein.Doch die zwei bis drei Millimeter starke Platzauflage auf untergelegten Hartfaserplatten wurde nach erstem Test "verlangsamt"."Mit Hartplätzen in den USA ist der hier in Hamburg nicht zu vergleichen", sagt Teamchef Becker."Die Filzbälle haben zwar einen ähnlichen Abrieb, springen aber nach dem Aufkommen nicht so hoch und schnell ab." Dies wäre auch der deutliche Unterschied zum Sandcourt in der Höhenlage in Gstaad (Schweiz), wo Becker so fulminant gegen Sandplatzspezialisten aufspielte und erst im Finale im Spanier Corretja seinen Meister fand."Bei einem starken Service oder druckvollem Grundlinienschlag flach übers Netz, werden die Bälle aber auch hier schnell", erklärt Beckers Doppelpartner David Prinosil die Eigenheiten der speziellen Hamburger Mischung.

Ob der Deutsche Tennis Bund die 65 000 Mark für seine Platzkreation in den Sand gesetzt hat, ob die positive Reaktion der Schweden darauf berechtigt oder die Kritik von Ex-Beckertrainer Günther Bosch ("ein Nachteil für die Deutschen") angebracht war - die Wahrheit liegt auch im Tennis "auf dem Platz".Und Überraschungen gehören ja zum Davis Cup wie Netz und Bälle.

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