Hassenswerte Sportarten (11) : Cricket

Das jahrhundertealte Cricket kann heute keinen Hund mehr vom Ofen vorlocken - kein Wunder: Die Regeln sind undurchschaubar, das Spiel selbst totlangweilig.

Dirk Gieselmann[11fre],e.de

"Cricket ist eine Sportart", japste unlängst Programmierer Oliver Zeyen, "die niemand versteht. Cricket ist unverstehbar!" Da Zeyen nach diesem Wutanfall zuckend zusammenbrach, übernehmen wir es an seiner statt, uns über diese Zumutung von einer Leibesübung auszulassen.

Mit den Augen eines Kindes betrachtet, ist Cricket zunächst einmal nichts Schlimmes. Es ist sogar vergleichbar mit dem possierlichen Grundschul-Turnhallen-Sport Brennball: Defensive und Offensive sind strikt getrennt, angreifende und verteidigende Mannschaft stehen einander gegenüber. Dann schmeißt jemand den Ball so weit wie möglich von sich und verschafft sich dadurch Zeit, einmal um den Pudding zu rennen. Wer ankommt, kriegt Punkte und eine Zwei in Turnen.

Wer jedoch glaubt, er habe Brennball verstanden, und sich deshalb anmaßt, er begreife auch Cricket - nur weil hier wie dort Menschen lose verteilt herumstehen und rammdösig warten, bis irgend jemand irgend etwas von sich wirft - der hat sich geschnitten. Und zwar gewaltig.

Zwangsjacke als Blouson

Denn während es im Brennball trotz aller Reglementierung noch Spuren von Anarchie, Zufall und Improvisation gibt, ist das Cricket im Laufe von Jahrhunderten von unsympathischen Kontrollfreaks in ein derartig steifes Korsett von undurchschaubaren Codices und Geboten gezwängt worden, dass es nur noch von Menschen nachvollzogen und gut gefunden werden kann, die eine Zwangsjacke für einen legeren Blouson halten. Sogar die Technik des Werfens ist vorgeschrieben, die Kleidung sowieso: Eine schaurige Melange aus Bademode für Calvinisten und Imker-Schutzkleidung aus dem Raiffeisen-Shop.

Während sich Cricket im Gebiet des einstigen Commonwealth gespenstischer Beliebtheit erfreut, ist für einen Mitteleuropäer allein das Zuschauen eine Qual, die selbst die Phantasie des kleinen Bruder von Marquis de Sade übersteigen dürfte: Elend lange Zeit passiert nichts, der Betrachter setzt Spinnweben an und droht an ihnen zu ersticken. Dann plötzlich jubeln alle, ohne dass der Ahnungslose wüsste, warum und worüber. Spannungselemente fehlen der versnobten Darbietung gänzlich. Es sind Fälle von zufällig in ein Cricketstadion geratenen Nicht-Cricketfans belegt, die innerhalb weniger Stunde bei lebendigem Leibe verwesten. Die Armseligen hätten besser daran getan, eine Harke beim an-der-Wand-Lehnen zu beobachten. Auch einem Kühlschrank beim Abtauen Gesellschaft zu leisten, "Bäckerblume" zu lesen oder seine eigenen Füße zu zählen - das und alles andere ist aufregender als Cricket, diese Plage und Zeitvernichtung.

Schließlich drängt sich der Verdacht auf, dass die gesamte Führungsschicht des British Empire einem Betrug aufgesessen ist, den wir schon aus dem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" von Hans Christian Andersen kennen: Alle machen den Scheiß mit, weil irgenwann mal einer, der was zu sagen hatte, damit angefangen hat, und verschweigen die unbequeme Wahrheit aus Rücksicht auf die eigene Reputation. Aber das ist wohl nicht nur beim Cricket so – aus ähnlichen Gründen vertilgen Briten jedes Jahr hektoliterweise Pfefferminzsoße und hetzen Füchse zu Tode.

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