Sport : Haste mal ’ne Million?

Beim Fußball-Zweitligisten 1. FC Union finden für die nächste Saison nur noch ablösefreie Fußballprofis einen neuen Arbeitsplatz

Karsten Doneck

Berlin. Der gesuchte Stürmer muss nicht nur beidfüßig Tore schießen können und kopfballstark sein. Grätschen, kämpfen, eng am Gegner kleben, ab und zu mal tatkräftig die Offensive unterstützen – das allein reicht auch für einen Verteidiger nicht aus. Wenn ein Spieler für die nächste Saison beim Fußball-Zweitligisten 1. FC Union anheuern will, muss er zunächst mal ein ganz anderes Kriterium erfüllen: Er darf keine Ablöse kosten. Diese strenge Vorgabe für die Saisonplanung stammt von Heiner Bertram. Unions Präsident hat klipp und klar gesagt: „Unser Budget wird verabschiedet mit realistischen Zahlen. Und damit müssen wir dann leben und uns notfalls nach der Decke strecken.“ Die realistischen Zahlen sind im Lizenzantrag konkretisiert worden: Union senkt den Etat von 7,5 Millionen Euro für die Saison 2002/03 auf 6,5 Millionen für die Saison 2003/04. Und steht längst vor der Frage: Wie spare ich eine Million?

Ablösesummen sind da schon mal ein Tabu. Mirko Votava, dessen Elf heute (15 Uhr, Alte Försterei) Eintracht Braunschweig zum vorletzten Saison-Punktspiel empfängt, kann mit dieser Einschränkung umgehen. „Es gibt genügend ablösefreie Spieler“, sagt Unions Trainer. Der Verein hält sich bisher penibel an die Vorgabe des Präsidenten. Vier neue Spieler wurden jetzt unter Vertrag genommen: Björn Joppe (VfL Bochum), Achim Pfuderer (1860 München), Frederic Page (FC Aarau) und Dario Dabac (Dynamo Dresden). Sie sind für unterschiedliche Positionen gedacht, haben ihre individuellen Stärken und Schwächen, aber in jedem Fall eines gemeinsam: Sie kosten alle keine Ablöse.

Auch über eine Absenkung der Grundgehälter bei fast allen Union-Spielern nimmt Union Einsparungen vor. „Bei uns wird es nur noch stark leistungsbezogene Verträge geben“, hat Bertram schon im Winter angekündigt. Angeblich senkt der Verein das Durchschnittsgehalt seines balltretenden Personals zur neuen Saison von 8000 auf 6000 Euro. Gelingt das bei einer angedachten Kaderstärke von künftig 22 Profis, würde Union auf das Jahr gerechnet locker rund eine halbe Million Euro einsparen. Von einigen Spielern, die bisher – zum Teil noch weit – über dem alten Durchschnittswert lagen, hat sich Union inzwischen getrennt, indem die auslaufenden Verträge nicht mehr verlängert wurden. Andere wie zum Beispiel Mittelfeldspieler Ronny Nikol war ganz offenbar das Angebot ihres bisherigen Arbeitgebers finanziell nicht mehr attraktiv genug, so dass sie sich neue Klubs suchten, natürlich nur „wegen der besseren sportlichen Perspektive“, wie Nikol nach seiner Unterschrift beim Erstliga-Absteiger Energie Cottbus treuherzig glauben machen wollte.

Wer Union die Treue hält wie Abwehr- Routinier Tom Persich, der muss künftig mit weniger Gehalt auskommen. Bertram baut fest auf die Einsicht der Spieler. „Dieses Geschäft ist ja keine Einbahnstraße“, sagt er. Längst lässt sich Union nicht mehr, wie einst unter Bertrams Vorgängern, in vager Verheißung kommender sportlicher Erfolge in die Schuldenfalle locken. Da sind zwar noch über acht Millionen Euro abzustottern beim ehemaligen Geldgeber Michael Kölmel, aber Union hat auch da klug verhandelt: Die jährliche Rückzahlungsrate liegt mit 250 000 Euro im nicht allzu belastenden Bereich.

Ein Indiz für das seriöse Wirtschaften der Köpenicker: Die Lizenz von der Deutschen Fußball-Liga (DFL) gab es ohne Beanstandungen. Zwar muss der Verein jeden Monat seine Bilanzen vorlegen, „aber das müssen fast alle Profiklubs, außer vielleicht Bayern München“, wie Lars Töffling, Unions Pressesprecher, sagt.

Die Kirch-Pleite macht’s nötig: Die Profis müssen umdenken. Von traumhaften Gagen zurück zu Otto Normalverdiener. Union darf für sich reklamieren, die Zeichen sehr früh sehr ernst genommen und konsequent gegengesteuert zu haben. Das Geschrei war groß, als man kurz vor Weihnachten seinen Spielern offenbarte, sie müssten Gehaltseinbußen akzeptieren, ansonsten wäre der Klub im März zahlungsunfähig. Nur dadurch, dass alle Seiten in dieser diffizilen Angelegenheit Zugeständnisse machten, schuf Union die Voraussetzung, um auch künftig seriöse Wirtschaftspläne aufstellen zu können. Manch anderer, schuldenbeladener Zweitligist ärgert sich inzwischen, nicht ähnlich konsequent gehandelt zu haben wie Union.

Auf der Einnahmenseite verzeichnet Union für die nächste Saison immerhin noch rund 3,5 Millionen Euro aus dem Fernsehtopf. Drei Millionen muss Union also selbst auftreiben, um den Etat auszugleichen. Die Einnahmequellen sind die üblichen: Sponsoren, Zuschauer, Mitgliedsbeiträge und Merchandising. Ein Trikotsponsor fehlt noch. Gespräche laufen. Unions Erwartungen sind groß. „750 000 Euro für die Trikotwerbung, das ist unser Wunschdenken“, sagt Bertram. 500 000 Euro ist wohl eine eher zu realisierende Summe. Union lässt sich Zeit. Bertram: „14 Tage vor Saisonbeginn sollten die Verträge unterzeichnet sein.“ Und wenn nicht? „Dann bekommen wir feuchte Hände“, sagt der Präsident.

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