Sport : Hat Christoph Daum jetzt schon eine neue Chance verdient?

Friedhard Teuffel

PRO

Es gab in Deutschland noch nicht viele Fußballtrainer, die so gute Arbeit geleistet haben wie Christoph Daum. Er hat schon Konzeptfußball spielen lassen, als Thomas Doll und Jürgen Klopp noch in kurzen Hosen auf dem Rasen standen. Vielleicht war genau das sein Problem: Er war zu früh zu erfolgreich und wurde mit diesem Erfolg nicht fertig. Was daraus wurde, ist bekannt.

Christoph Daums Drogenkonsum war jedoch ein persönliches Versagen, geschadet hat er damit sich selbst. Von gemeinsamen Koksorgien in der Umkleidekabine ist nichts bekannt. Auch nicht davon, dass er seinen Spielern in sonst irgendeiner Weise Schaden zugefügt hat. Im Gegenteil: Er hat sie zu besseren Fußballspielern gemacht.

Genau hier liegt nämlich das große Missverständnis. Ein Trainer im Berufsfußball muss seine Spieler nicht zu besseren Menschen machen. Bis heute hält sich die Annahme, dass der Sport anständiger sein soll als der Rest der Welt. Doch warum sollte er? Längst ist wissenschaftlich widerlegt, dass der Vereinssport eine Charakterschule ist. Oft machen Jugendliche gerade im Sportverein ihre ersten Erfahrungen mit Alkohol und anderen Drogen. Das Argument, dass Daum in allererster Linie sittliches Vorbild für die Jugend sein müsse, ist daher falsch. Wenn sich diese Gesellschaft Spitzensportler wie Michael Schumacher und Lance Armstrong zum Vorbild nähme, würde sie hierzulande keine Steuern mehr bezahlen und versuchen, Kollegen am Arbeitsplatz durch unfaire Methoden abzuhängen.

Daum hat mit jungen Menschen zu tun, aber er ist kein Jugendtrainer. Die Fußball-Bundesliga mit ihren Mechanismen ist ohnehin ein Mischkonzern aus Sportbetrieb und Unterhaltungsindustrie. Daum ist deshalb ein doppelter Gewinn für den Fußball, weil er viel vom Fußball versteht und vielleicht beinahe genauso viel von der Inszenierung.

Für sein Fehlverhalten, ja kriminelles Verhalten, hat Daum gebüßt. Er hat seinen Arbeitsplatz verloren. Der Deutsche Fußball-Bund, der sich von einer Brauerei sponsern lässt, hat sich fast mit Ekel von ihm abgewendet. Man hat sich in Deutschland jahrelang über Daum lustig gemacht, über seine verschnupfte Nase etwa. Aber Christoph Daum hat eine Nase für den Fußball. Eine der besten überhaupt.

CONTRA

Jeder Schwerverbrecher, jeder Mörder und Totschläger hat in Deutschland nach Verbüßung seiner Strafe das Recht auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft. Nur für Christoph Daum und sein vergleichsweise läppisches Vergehen soll dieser Grundsatz nicht gelten. Sind denn sechs Jahre Österreich und Türkei nicht Strafe genug? Soll ihm die Rehabilitierung auf ewig verwehrt bleiben? Heilige Trinker dürfen im deutschen Fußball besoffen von der Trainerbank kippen – aber ein Kokser?

Es geht nicht darum, dass Daum Kokain konsumiert hat und auch noch so dumm war, sich anschließend selbst zu überführen. Es geht darum, dass er geglaubt hat, er könne koksen, aber gleichzeitig behaupten, er kokse nicht. Es geht darum, dass Daum sich sogar für klüger gehalten hat als die Wissenschaft; darum, dass er geglaubt hat, er allein könne bestimmen, nach welchen Regeln das Spiel ablaufe. Er hat belogen und betrogen, und was fiel ihm anschließend zu seiner Rechtfertigung ein: Tja, dumm gelaufen.

Es war schon immer klar, dass im Fall Daum kein Richter nach objektiven Kriterien über seine Rehabilitierung für den deutschen Fußball befinden würde. Diesen peinlichen Part hat nun der 1. FC Köln übernommen, dessen Zurechnungsfähigkeit allerdings durch seine existenzielle Not erheblich getrübt war. Daum musste nicht einmal als Bittsteller auftreten, er durfte sich bitten lassen: Lieber Christoph Daum, wäre es Ihnen nun recht, wenn wir Sie, eine Koryphäe unseres Berufsstandes, wieder in unserem ehrenwerten Kreis begrüßen dürften? Es ist absurd.

Christoph Daum ist so auf die deutsche Bühne zurückgekehrt, wie er sie vor sechs Jahren verlassen hat: mit großem Gepolter. Als Voraussetzung für seine Rehabilitierung hätte man zumindest eine Form von Einsicht erwarten dürfen, doch Daums fortlaufende Peinlichkeiten liefern keinerlei Hinweise dafür, dass sich seine Persönlichkeit in irgendeiner Weise zum Positiven verändert hätte. Noch immer wird das Spiel nach seinen Regeln gespielt, sonst spielt Daum gar nicht erst mit – und der 1. FC Köln hat zu all dem gekuscht wie ein Schoßhündchen. Daum nervt schon wieder, bevor er überhaupt mit seiner Arbeit angefangen hat. Dass er nun dreieinhalb Jahre mit dem 1. FC Köln gestraft ist, ist nur ein schwacher Trost. Stefan Hermanns

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