Sport : Hat der Pokal eigene Gesetze?

Gedanken zu einer Kernfrage der Fußballkultur

Wolfram Eilenberger

H ier sitze ich und könnte anders. Hier ist Berlin, das Olympiastadion, 19 Uhr, 24 Minuten und 59 Sekunden. Deutlich vernehme ich in meinem Kopf eine Dieter-Thomas-Heck-artige Stimme, die mir die ganze Dramatik ins Bewusstsein ruft. Das 60. Pokalfinale des DFB, in fünf Minuten beginnt es! Pokalspiele, Pokalfinals zumal, haben bekanntlich ihren eigenen Charakter. Tatsächlich gehört der Satz, der Pokal habe seine eigenen Gesetze, zu den ältesten Wahrheiten unserer Fußballkultur. Da mir bis zum Anpfiff noch fünf Minuten bleiben, werde ich eine Deutung dieses Satzes versuchen.

Diese Deutung hat vor allem ein Ziel: sie dient der Selbstverständigung. Es ist nämlich meine Vermutung, dass mir eine Klärung der Frage, ob der Pokal wirklich eigenen Gesetzen unterliegt, helfen wird zu verstehen, weshalb ich mich zurzeit auf diesem 55-Euro-Platz befinde – und nicht etwa auf dem Kirchentag. Mit anderen Worten vermute ich, dass es diese eigenen Gesetze des Pokals sind, denen der Fußball als Kulturphänomen seine Faszination verdankt.

Wenn von den eigenen Gesetzen des Pokals gesprochen wird, so geschieht das in Abgrenzung zu den Gesetzen, die den Ligabetrieb regieren. Diese sind statistischer Natur. Wie der Ligaerfolg selbst beziehen sie sich auf wiederholbare Vorkommnisse und damit auf Tendenzen und Muster, die über einen längeren Zeitraum stabil sind, sich als solche zeigen und dann auch durchsetzen. Wir kennen das: Bayern wird Meister, meistens. In einer ersten Lesart bestünde die Eigengesetzlichkeit des Pokals also darin, dass sich Ergebnisabweichungen in Pokalspielen signifikant häufen; dies allerdings in einer Weise, die im Rahmen der statistischen Denkweise selbst nicht gesetzesartig gefasst werden kann. Oder: Beim Pokal sind Ausnahmen eher die Regel – und zwar in einer Weise, die selbst keiner erkennbaren Regel folgt.

Doch so plausibel diese erste Deutung klingt, der Pokal spielt uns radikaler mit, er scheint mit dem statistischen Gesetzesansatz ganz und gar zu brechen. Schließlich ist es das Charakteristikum von Pokalspielen, jeweils einmalige bzw. äußerst eingeschränkt wiederholbare Ereignisse zu sein. Der weise Satz lautet ja nicht, der Pokal habe keine Gesetze, sondern, er habe eigene Gesetze. Wenn es also eigene Pokalgesetze gibt, so kann es sich allenfalls um individuelle handeln, sind doch Pokalabende Duelle, in denen das Davor und Danach völlig hinter diesem einen Spiel zurücktritt. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. In diesem Sinne sind Pokalspiele Events, in denen die für die Faszination des Fußballs maßgebenden Faktoren besonders deutlich spürbar werden. An die den Ligaalltag prägende Stelle der Bezugnahme auf den abstrakten Durchschnitt einer möglichst großen Anzahl von Partien tritt im Pokal die Bezugnahme auf die volle Konkretheit einer einzigen Begegnung, und, je länger das Spiel auf der Kippe verweilt, die weitere Verdichtung auf jede einzelne Spielsituation. Anders gesagt: Jedes Spiel, das uns in Bann hält, hat diesen spezifischen Pokal- und damit Finalcharakter.

Je tiefer man aber als Betrachter in solch einer Partie, in der das Spiel gleichsam auf dem Spiel steht, versinkt, desto intensiver sind auch die unwiederholbare Einmaligkeit und die fundamentale Offenheit ihres Verlaufes zu erfahren. Es ist dann, als ob dieses wundervolle Spiel tatsächlich zu nichts anderem geschaffen wäre, als uns die ganze Möglichkeitsfülle unserer Wirklichkeit vor Augen zu führen.

In solchen Momenten reinen Fußballglücks mag einen dann wirklich das quasi-religiöse Gefühl überkommen, man begreife, was es bedeuten könnte, solch ein Pokalspiel, dessen Verlauf offensichtlich von niemanden und schon gar nicht von den Spielern selbst zu steuern ist, habe sich mit dem Anpfiff auf die Suche nach seinem, ganz eigenen, individuellen Gesetz begeben. Es sind dies Momente, in denen mir übrigens auch der Sinn jener anderen Zentralweisheit meines Spiels befreiend aufzugehen scheint, die da heißt, Fußball ist unser Leben. Hier aber muss ich schließen, denn jetzt geht´s endlich los. Ich tippe auf die Bayern. Da kann mir nichts passieren.

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