Sport : Hauptsache Action

Marie-Sophie Hindermann könnte zum Gesicht des Frauenturnens werden – ihr Ehrgeiz verhindert das.

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Elegante Perfektionistin. Marie-Sophie Hindermann ist mit 1,75 Meter für eine Turnerin ungewöhnlich groß. Foto: p-a/Eibner
Elegante Perfektionistin. Marie-Sophie Hindermann ist mit 1,75 Meter für eine Turnerin ungewöhnlich groß. Foto: p-a/EibnerFoto: picture-alliance / Eibner-Presse

Berlin - Motorrad fährt sie jetzt auch noch, aber Ulla Koch kann’s ja nicht verhindern. Ulla Koch kann nur fast erleichtert mitteilen, „dass die Maschine gedrosselt ist, Marie-Sophie fährt keine 200 km/h“. Ist das ein Trost? Für sie, die Cheftrainerin der deutschen Turnerinnen? Nicht wirklich. Aber, sagt sie sanft-seufzend, „Marie-Sophie lässt sich nicht begrenzen. Sie entspannt sich mit Action“.

Die Geschichte mit den Grenzen, die hat Marie-Sophie Hindermann allerdings eine Entzündung im Fußwurzelknochen eingebracht, sie hat ihr einen Auftritt bei der WM im Oktober vermasselt, sie hat verhindert, dass sie zum neuen Gesicht des Frauenturnens aufstieg. Für diese Rolle wollte sie Sportmanager Klaus Kärcher schon 2007 aufbauen. Er managt Fabian Hambüchen, er denkt gern in großen Dimensionen.

Die Geschichte mit den Grenzen ist aber auch der Grund dafür, dass Marie-Sophie Hindermann gestern in der Schmeling-Halle das Finale der deutschen Mannschaftsmeisterschaft als Test betrachten musste. Wo steht sie in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele? Wie belastbar ist ihr Fuß? Am Ende unterlag Hindermann mit dem MTV Stuttgart im Finale der TuS Chemnitz-Altendorf. Bei den Männern gewann die KTV Straubenhardt.

Ein paar Monate zuvor, der Tag vor der deutschen Meisterschaft. Ulla Koch bittet die 21-Jährige nachdrücklich, im Training ihre Stufenbarren-Kür nicht mit einem schwierigen Abgang zu beenden. Hindermann habe dafür zu wenig Kondition. Die Sportsoldatin macht’s trotzdem und bleibt verletzt liegen, Koch ist sauer. Deutsche Meisterschaft abgehakt, WM abgehakt. „Sie ist eine Perfektionistin, aber sie muss lernen, dass es auch Sinn macht, mal etwas zurückzustecken“, sagt Ulla Koch in der Schmeling-Halle.

Mehrfach ist Hindermann vor einer EM oder WM verletzt ausgefallen, gescheitert am zu großen Risiko. Gescheitert damit auch an den eigenen Erwartungen und denen des Umfelds. Als 16-Jährige, als WM-Fünfte am Stufenbarren, wurde sie medial als neue große Hoffnung verkauft. Sie ist attraktiv, groß, wirkt elegant, sie konnte sich ausdrücken und war damals schon ziemlich belesen, eine vielversprechende Mischung also. 2008 wurde sie dann auch Deutsche Vizemeisterin im Mehrkampf, aber danach fehlten die großen Ergebnisse, obwohl „sie stets das Potenzial hatte, ins Team zu kommen“ (Koch). Bei der EM 2010 belegte sie mit der Mannschaft noch Platz neun, bei der EM 2011 aber fehlte sie.

„Marie-Sophie ist hochintelligent, sie ist eine Persönlichkeit“, sagt Ulla Koch; sie schätzt den Menschen Hindermann ja, aber muss die Sportlerin Hindermann auch noch in Stuttgart einer Abiturklasse Mathematik-Hilfe geben? Und muss sie in einer Trainingspause im Schwimmbad vom Zehn-Meter-Turm stürzen? Kann sie nicht einfach entspannen?

Immerhin, die angehende Medizinstudentin hat sich entwickelt. „Sie will nicht mehr unbedingt die deutsche Nummer eins am Stufenbarren werden, Nummer drei ist auch gut“, sagt Koch. Auch ihren Stellenwert im Nationalteam könne sie jetzt besser einschätzen. „Aber sie hat andere Grenzen als viele junge Frauen.“

Doch nicht alles, was Marie-Sophie Hindermann neu ins persönliche Programm aufnimmt, löst bei ihrer Chef-Trainerin gleich Stirnrunzeln aus. Ulla Koch goutiert Neues durchaus. „Kochen“, sagt sie mit einem Hauch Anerkennung, „kann sie jetzt auch.“

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