Sport : Hauptsache blamiert

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Stefan Hermanns über wahre und

falsche Blamagen im Fußball

Das Tor fiel kurz vor Schluss, und es entschied die wacklige Begegnung zwischen dem Verein aus der Bundesliga und dem aus der Regionalliga. Erst in der Verlängerung erzielte Juri Maximow das 2:1 für Werder Bremen gegen die Amateure von Bayer Leverkusen. Neun Monate später, im Juni 1999, hatte Bremen den DFBPokal gewonnen.

Erinnert sich noch jemand an Werders Blamage gegen Bayers Amateure in der ersten Runde des DFB-Pokals? Und: Kann ein Sieg überhaupt eine Blamage sein? Die Frage ist gerade wieder aktuell, weil die deutsche Nationalmannschaft 2:0 gegen die Färöer gespielt hat. 2:0 gewonnen, wohlgemerkt. Wenn man am Tag nach dem Spiel in die Zeitungen geschaut hat, könnte man das glatt vergessen. „Ach, Deutschland, wie tief bist du auch im Fußball gesunken!“, schreibt der Sport-Informationsdienst. „Warum quält ihr uns so?“, fragt die „BZ“. Und die „Bild“-Zeitung mosert: „Dieser Sieg war eine Schande! Wir schämen uns, Rudi!“

Der Sport liebt die Extreme. Während die Beteiligten ihre Leistung besser reden, als sie war, schreiben die Beobachter sie schlechter, als sie war. Warum? Weil die Erwartungen an die Nationalelf höher sind als an jeden anderen Verein? Weil ein Sieg ohne fußballerischen Glanz nicht genügt? Wenn das Spiel im DFB-Pokal stattgefunden hätte, hätte sich der Trainer des Favoriten anschließend hingestellt und gesagt: Okay, wir haben nicht gut gespielt. Aber er habe ja auch auf seinen besten Mann (Ballack) verzichten müssen, und trotzdem habe sich seine Mannschaft Chance um Chance erarbeitet und auch den äußeren Widrigkeiten (tiefer Rasen, starker Wind) getrotzt. Und überhaupt: Hauptsache gewonnen! Berti Vogts hat das nach dem Spiel seiner Schotten auf den Färöern nicht sagen können.

Wahre Blamagen

Wahre Blamagen sehen anders aus:

Albanien – Deutschland 0:0 (EM-Qualifikation 1967). Ein Jahr zuvor war Deutschland Vizeweltmeister geworden, und im letzten Gruppenspiel in Tirana benötigte die Mannschaft nur einen Sieg, um sich für die EM-Endrunde zu qualifizieren. Ein 1:0 hätte schon gereicht. Die Albaner hatten in den drei Spielen zuvor kein einziges Tor erzielt, sie erzielten auch diesmal keines. Die Deutschen allerdings auch nicht. Ach, hätten sie doch einen Klose oder einen Bobic gehabt.

Deutschland – Tunesien 0:0 (WM 1978). Es war das letzte Spiel der ersten Finalrunde. Gerade erst hatten die Deutschen als Titelverteidiger Mexiko mit 6:0 besiegt, und so ähnlich würde es auch gegen die Nordafrikaner ausgehen. Dachten alle. Am Ende hatten die Deutschen Glück, dass sie das 0:0 über die Zeit retten konnten.

Deutschland – Algerien 1:2 (WM 1982). Die Auslosung hatte es wieder gut gemeint. In Spanien durften die Deutschen sich zunächst gegen Algerier und Chilenen ein bisschen einspielen, ehe sie auf Österreich treffen würden. Dann kam Belloumi und schoss das 2:1 gegen die Deutschen.

Blamagen, die keine waren

Österreich – Deutschland 3:2 (WM 1978). Ja, ja, man glaubt das nicht mehr, aber die Österreicher haben in der Vor-Färöer-Zeit mal ganz ordentlich Fußball gespielt. 1978 zum Beispiel, als sie in ihrer WM-Vorrundengruppe Erster wurden – vor Brasilien, Schweden und Spanien. Gegen solche Mannschaften darf man 2:3 verlieren, wie es die Deutschen taten, in einem Spiel, in dem sie nur theoretische Chancen hatten, das Finale zu erreichen. Außerdem ist es doch schön, dass sich unsere geliebten, aber manchmal etwas melancholischen Nachbarn noch heute über diesen Sieg freuen. Und 1978 im Familienurlaub in Kärnten sind wir immer mit ausgesuchter Höflichkeit behandelt worden.

Dänemark – Deutschland 2:0 (EM 1992). Untrainiert und schlecht ernährt – wenn man den alten Geschichten glaubt, dann haben die Deutschen das EM-Finale 1992 gegen eine Truppe von Badelatschen-Kickern verloren. Die vermeintlichen Urlauber aber, die nur als Nachrücker für Jugoslawien zur EM durften, hießen Olsen, Poulsen und Laudrup und waren wunderbare Fußballer. Im Gegensatz zu Helmer, Kohler und Buchwald.

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