Sport : Hauptsache Spaß

Schalkes neuer Teamchef Marc Wilmots versucht, die Freude am Spiel zu vermitteln

Richard Leipold

Gelsenkirchen. Es ist der Tag eins nach der Revolte bei Schalke 04. „Jetzt trainieren sie sich selbst“, hat eine Boulevardzeitung geschrieben, nachdem der Vorstand in Absprache mit dem Mannschaftsrat Trainer Frank Neubarth entlassen und durch den Spieler Marc Wilmots ersetzt hatte. Bevor aber der neue Teamchef die taktischen Details in Angriff nimmt, will er seinen früheren Kollegen Spaß an der Arbeit vermitteln. Wilmots lässt im ersten Training unter seiner Regie aus allen Lagen aufs Tor schießen. Nach einer Weile befreit er die Torhüter vom Dienst, damit die Feldspieler noch häufiger treffen.

Selbst Frank Rost, von Beruf Torwart, gibt sich unter diesen Umständen zufrieden. Das Zusehen, wie die Kollegen auf das leere Tor schießen, scheint ihm mehr Freude zu bereiten, als unter Neubarth zu trainieren. Als der bei den meisten Spielern unbeliebte Übungsleiter noch für die Mannschaft verantwortlich war, hatte Rost dessen Autorität mit einem folgenschweren Satz untergraben. „Seit du hier bist, macht mir Fußball keinen Spaß mehr." Die Entlassung Neubarths kommentiert Rost kühl. Wie seine Kollegen versteht selbst Rost, der als verbissen gilt, den Trainingsablauf seines neuen Vorgesetzten als Teil einer Therapie. „Marc Wilmots steht in Schalke für Leidenschaft, Spaß und Begeisterung, zumindest wird er so gesehen", sagt Rost. Diese Eigenschaften wolle Wilmots auch der Mannschaft vermitteln. Wenn ein besonders schönes Tor fällt, applaudieren die Zuschauer auf der Haupttribüne des Parkstadions. Im Block D haben an diesem Vormittag rund zweihundert Menschen Platz genommen, um zu sehen, wie Wilmots seine neue Aufgabe angeht.

Besonders groß ist die Freude, wenn Michael Büskens trifft. Nach Wilmots Aufstieg ist Büskens der letzte noch aktive Spieler aus der in Gelsenkirchen verehrten Generation der Eurofighter, die vor sechs Jahren vor allem aufgrund ihrer Kampfkraft den Uefa-Pokal gewannen. Eigentlich kickt der nach Wilmots, den die Fans „Kampfschwein“ rufen, und Thon beliebteste aktuelle Spieler nur noch als Amateur. An diesem Vormittag trainiert er mit den Profis, weil es an Personal mangelt. Nur fünf Stammkräfte nehmen am gewöhnlichen Geschäftsbetrieb teil, der diesmal ungewöhnlich wirkt: Tomasz Waldoch, Victor Agali, Sven Vermant, Frank Rost und Gerald Asamoah, der wegen Schmerzen in der Leiste vorzeitig in die Kabine humpelt. Der größte Teil der Profis steht nicht zur Verfügung. Manche sind mit ihren jeweiligen Nationalmannschaften unterwegs, andere können nur Lauftraining absolvieren. Oder sind nicht arbeitsfähig. Einer wie Büskens wird, zumindest vorübergehend, wieder gebraucht. Vielleicht sogar in der Bundesliga.

Die Szenerie im Parkstadion mutet an wie ganz gewöhnlicher Alltag im Schalker Trainingsbetrieb. Doch für die Spieler ist es ein Neustart. Sie haben sich eines lästigen Vorgesetzten entledigt und stehen nun selbst in der Verantwortung. Ab sofort gibt einer von ihnen die Kommandos, auch wenn hinter den Kulissen schon gemunkelt wird, Wilmots müsse die Mannschaftsaufstellung spätestens am Abend vor dem Spiel von seinem Patron Rudi Assauer genehmigen lassen. In diesem Verfahren könnte auch Andreas Möller ein Rolle spielen, der sich im ersten Training unter seinem einstigen Intimfeind Wilmots verletzt hat. Dennoch rechnet Wilmots mit Möller. „Er ist ein absoluter Profi, er will so schnell wie möglich zurückkehren. Aber er muss fit sein." Ob die beiden im Interesse des FC Schalke 04 am Ende ein Zweckbündnis schmieden?

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