Sport : Hauptstadt Hockenheim

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Von Christian Hönicke

Hockenheim. Eine triumphale Party soll es werden. Auf Plakaten steht das, die überall in Hockenheim aufgestellt wurden. Hier will Michael Schumacher nur eine Woche nach seinem fünften Formel-1-WM-Titelgewinn mit seinen Fans feiern. Das hat er jedenfalls gesagt, und die Fans warten schon auf ihn. An fast jedem Haus hängt eine Michael-Schumacher-Fahne. Wer keine hat, hängt die Deutschland-Flagge aus dem Fenster. Der Große Preis von Deutschland (Sonntag, 14 Uhr, live in RTL und Premiere) ist ein nationales Ereignis. Zumindest in Hockenheim.

Trotzdem ist das Rot eines italienischen Rennstalls die dominierende Farbe, wie in jedem Jahr seit 1996, als Michael Schumacher zu Ferrari wechselte. Rote Kappen, rote Fahnen, rote Rucksäcke, rote Handys, überall Rot. Auf jenem Campingplatz, auf dem die meisten Fans nächtigen, unterbricht nur noch das Weiß der Wohnmobile das rote Farbenmeer. Ein paar Meter weiter stehen die Fans am Freitagmorgen am Eingang zum Hockenheimring und warten auf Michael Schumachers Ankunft. Er kommt kurz nach 9 Uhr, doch die Fans haben nicht viel von ihm.

Er will so schnell wie möglich ins Fahrerlager. Warum, wird um 9 Uhr 18 deutlich, als er es betritt. Eine Autogrammanfrage gibt es, danach kann er unbehelligt zwischen die Trucks der Teams verschwinden. Hier, wo es mehr nach Pasta als nach Benzin riecht, herrscht eine andere Atmosphäre als draußen, bei den Fans mit ihren Tröten und Devotionalien. Wer hier ist, gehört entweder dazu oder ist selbst so wichtig, dass er keine Ikonen braucht. Wie die Leute aus dem so genannten Paddock Club. In den kommt man nur auf Einladung von Teams oder Sponsoren – oder für 1000 Dollar. Pro Tag, versteht sich. Dafür bekommt man aber auch einiges geboten. Zum Beispiel ein eigenes Areal mit grünem Teppich und attraktiven Zuschauerplätzen, an dessen Eingang Leute mit Herzschrittmachern höflich aufgefordert werden, vor dem Passieren des elektronischen Zugangsportals das Personal zu kontaktieren. Und in der Boxengasse darf man als Mitglied des Paddock Clubs bis kurz vor dem Beginn des Freien Trainings die Teams aus nächster Nähe sehen oder sich vor Schumachers Ferrari fotografieren lassen.

Um 10 Uhr 31 erlöst das Jordan-Team die Fans: Der erste Motor springt an. Ohrenbetäubender Lärm ertönt. Nun kann man den Unterschied zwischen Fan-Profis und Amateuren sehen - wer zum ersten Mal hier ist, hat garantiert die Ohrenstöpsel vergessen. Als Formel-1-Pilot Olivier Panis als Erster auf den umgebauten Hockenheimring fährt, steigt der Lärmpegel an. Und noch ein weiteres Mal, als Michael Schumacher auf die Strecke geht. Er fährt als Einziger sofort eine ganze Runde und will seinen Fans auf diese Weise danken. Sein erster Rundenrekord: 1:28,984 Minuten.

Wie sehr das Publikum auf den 33-Jährigen fixiert ist, zeigt sich im stadionartigen Motodrom, wo die meisten Zuschauer sitzen. Kurz hintereinander biegen Michael Schumacher und sein Bruder Ralf um die Ecke. Während dem einen ständig zugejubelt wird, fährt der andere fast unbehelligt an den Tribünen vorbei. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ein Auto im Motodrom k ein großes Ereignis mehr ist. Durch die Verkürzung der Strecke warten die Fans rund 20 Sekunden weniger auf ihre Stars. „Früher hat man sich mehr gefreut, als die Autos nach einer Ewigkeit wieder aus dem Wald kamen“, sagt Peter, ein Fan aus Köln. Die meisten anderen auf den Tribünen finden es aber gut, dass sie die Wagen jetzt öfter sehen. Zumal beim ersten Auftritt auf der neuen Strecke auch noch eine ganze Menge Dreher und Ausrutscher zu bewundern sind. „Die Strecke ist rutschig, weil noch kein Gummiabrieb von den Reifen darauf ist“, sagt Hermann Tilke, der die Strecke entworfen hat. Außerdem müssten sich die Fahrer noch orientieren und Bremspunkte finden.

Auch Michael Schumacher drehte sich beim ersten Auftritt auf der neuen Strecke, fand sie aber trotzdem „schön flüssig zu fahren". Am Ende des ersten Tages ist er wie so oft ganz vorn. Noch mehr freuen sich die Fans jedoch darüber, dass Schumacher zwischendurch kurz von der Boxengasse auf die andere Straßenseite hinüberwinkt. Dort sitzt auch Antonio aus dem Siegerland. Der Fan fühlt sich bestens unterhalten, auch die nach Schumachers frühem Titelgewinn verflogene Spannung stört ihn nicht. „Ich bin froh darüber“, sagt Antonio. Sein Freund Francesco aus Frankfurt (Main) hätte Schumachers Titelfahrt hingegen lieber hier bewundert. Aber auch er freut sich jetzt auf die Party. Nur wo und wann die genau stattfinden soll, darüber ist man sich bei den Fans noch nicht sicher. Im Zweifelsfall wird es aber am Sonntag sein, beim Rennen.

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