HAWK-EYE : Folge 1: Wer ist der Typ?

Jedes Grand-Slam-Turnier ist eine kleine Welt für sich. Von Eindrücken, Kuriositäten und kleinen Geschichten am Rande der US Open erzählt an dieser Stelle täglich Anke Myrrhe, live aus New York.

Anke Myrrhe[New York]

Hinter den blauen Absperrbanden auf dem kleinen Platz direkt vor dem Arthur-Ashe-Stadium haben sich hunderte Menschen versammelt. Kinder halten Tennisbälle größer als Fußbälle in den Händen, Mützen, T-Shirts oder einfache Zettel: Alles, worauf man nur ansatzweise schreiben kann, wird bereitgehalten, für den einen Moment, wenn der Star aus dem Stadion kommt und vielleicht, ja vielleicht genau an der richtigen Stelle vorbeiläuft, innehält und ein Autogramm gibt.

„Auf wen warten wir hier eigentlich?”, fragt ein Mann, der in der ersten Reihe steht. „Na auf Roger Federer“, ruft ihm jemand zu. „Wer ist der Typ?“ Alles lacht…Doch dann macht sich Empörung breit: Kann es sein, dass hier auf dem Gelände der US Open, einem der vier wichtigsten Tennisturniere der Welt, tatsächlich jemand herumläuft, der Roger Federer nicht kennt? Jemand erklärt dem Mann (und es klingt ähnlich pikiert, als habe dieser gerade Gotteslästerung begangen), dass er hier von DEM größten Tennisspieler aller Zeiten spricht. „Na gut, und wann kommt er raus, dieser Federer?“, will der Mann schließlich wissen. Niemand weiß das so genau. Federer hat sein Match bereits vor eineinhalb Stunden beendet und ist dann im Medienzentrum verschwunden. Ein Journalist kommt vorbei und versucht zu helfen: „Ich glaube, er ist schon vor einer halben Stunde weg.“ Doch das scheint niemanden zu interessieren. Fröhlich warten die Fans – inklusive des Unwissenden – weiter mit gezückten Stiften, wer weiß…

Die US Open sind ein gesellschaftliches Ereignis. Es gehört in New York schon beinahe zum guten Ton, jährlich nach Flushing Meadows zu pilgern und – Tenniskenner oder nicht – einige Matches zu schauen. Dabei gibt es eben auch jene Unwissenden, die nur kommen, weil man das eben tut. Deswegen brechen die US Open Jahr für Jahr ihren eigenen Zuschauerrekord, am Montag wurde wieder eine neue Bestmarke für den ersten Tag aufgestellt: 59848 kamen auf die Anlage in Flushing Meadows. Wie Wespen schwärmen die Besucher ein und schwirren dann hektisch umher, immer auf der Suche nach dem richtigen Platz und dem besten Blick. Nur, um dann nach ein paar Ballwechseln wieder aufzuspringen, weil jemand erzählt, dass auf dem Nebenplatz gerade ein irre spannendes Match läuft. Es ist nicht leicht, auf den 16 verschiedenen Plätzen den Überblick zu behalten. Auf den Zuschauerrängen neben Court 4 versucht beispielsweise am späten Nachmittag ein Junge verzweifelt, seiner Mutter zu erklären, warum Dieter Kindlmann nicht Nikolai Dawidenko sein kann.

Doch auch wenn es an den ersten Tagen auf der Anlage etwas unübersichtlich ist: Nur wenn noch auf allen Nebenplätzen gespielt wird, haben auch die Zuschauer mit den billigsten Tickets die Gelegenheit, direkt am Court – quasi auf Augenhöhe mit den Spielern – spannende Matches zu verfolgen. Und es ist die beste Gelegenheit für Autogramm- und Fotojäger, in Aktion zu treten. Wenn man die Stars denn auch erkennt…

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