HAWK-EYE : Folge 4: Mitternachtstennis

Jedes Grand-Slam-Turnier ist eine kleine Welt für sich. Von Eindrücken, Kuriositäten und kleinen Geschichten am Rande der US Open erzählt an dieser Stelle täglich Anke Myrrhe, live aus New York.

23 Uhr. Was könnte es um diese Zeit Schöneres geben, als eine Runde Tennis zu spielen? Schlafen wird ohnehin überbewertet und wer braucht schon einen normalen Biorhythmus? Andy Roddick jedenfalls nicht. Er seufzt nur noch, wenn er die Frage nach dem Sinn und Unsinn der Night-Sessions gestellt bekommt. Als Star der Amerikaner betritt er meist erst dann das Arthur-Ashe-Stadium, wenn die anderen Spieler schon längst in den gemütlichen Hotelkissen vom Titel träumen. Zur besten Fernsehzeit sollen die besten Spiele der US Open stattfinden. Möglichst mit amerikanischer Besetzung versteht sich.

Da ist meist Andy Roddick dran, auch wenn zumindest sein Wunsch nach der ersten Night-Session am Montag erhört wurde: „Ich fänd es gut, wenn auch mal die Frauen das zweite Spiel hätten“, sagte er. Und Schwups: Am Mittwoch spielten Roger Federer und Simon Greul um 19 Uhr und danach erst Serena Williams. Sie besiegte Melinda Czink aus Hungarn 6:1, 6:1. Das Match war ziemlich einseitig. Wer weiß, ob die Frauen noch mal spät spielen. Und Roddick musste am Donnerstag trotzdem wieder als Letzter ran. 

Night Sessions sind eine heikle Sache. Zum Zuschauen ist es toll, keine Frage: Bei Flutlicht gewinnen die Matches an Dramatik und vor dem Fernseher mit einer kühlen Dose Bud Light, dazu ein paar Nachos mit Käse, Burger oder Hotdogs, sind sie genau nach dem Geschmack der Amerikaner.

Doch das gilt oft tatsächlich nur für die Fernsehzuschauer. Als Andy Roddick am Donnerstag den dritten Satz seines Zweitrundenmatches gegen Marc Gicquel begann, hatte bereits die Hälfte der rund 23 000 Zuschauer die Anlage verlassen. Es war ausverkauft, dennoch leerten sich nach und nach die blauen Schalensitze des Arthur-Ashe-Stadiums. Gicquel wehrte sich nicht genug, Roddick hatte die ersten beiden Sätze glatt gewonnen. Schnell war klar, dass es ein deutlicher Sieg des Amerikaners werden würde.

Warum also bleiben? Es war schließlich ein ganz normaler Donnerstag. Marie Joe Fernández, ehemalige Spitzenspielerin der USA und heute als Expertin beim Sender ESPN, kommentierte das so: „Diese Menschen haben richtige Jobs. Nicht so wie wir! Die müssen morgen früh aufstehen.“ Als Andy Roddick zwei Tage zuvor gegen um kurz nach ein Uhr nachts seine Pressekonferenz abhielt, waren noch circa zehn Journalisten vor Ort. Der Rest hatte beschlossen, dass es ein glatter Dreisatzerfolg des Amerikaners werden würde und dass die Kräfte für das restliche Turnier gespart werden müssten. „Ich fühle mit Euch Leute“, sagte Roddick wie immer gut aufgelegt. „Aber was soll ich tun?“

Dabei hatte der 27-Jährige jedes Mal noch Glück gehabt. Er gewann jeweils in drei Sätzen, seine Matches dauerten nie länger als zwei Stunden. Am Donnerstag hätte es wesentlich schlimmer kommen können. Die Night-Session begann nämlich schon mit rund eineinhalb Stunden Verspätung, weil die Matches des Tages alle sehr lang und eng gewesen waren. Sowohl die Niederlage von Elena Dementjewa gegen die junge Amerikanerin Melanie Oudin als auch jene der Serbin Jelena Jankovic hatten auf eben jenem Center Court stattgefunden, alle in drei Sätzen. Und der Belgier Olivier Rochus hatte James Blake ebenfalls eine gute Weile beschäftigt.

Allerdings half dann Maria Scharapowa aus und fertigte Christina McHale aus den USA in nur einer Stunde 13 ab. So konnte Roddick bereits um 22 Uhr beginnen. Viel besser für den Biorhythmus also. „Es ist okay“, sagte er. „Es ist halt nur schwierig, sich danach für das nächste Spiel zu erholen.“ Rafael Nadal zum Beispiel kann nach späten Matches ein paar Stunden nicht schlafen. Und die Spieler müssen noch etwas essen. Was um diese Zeit auch nicht unbedingt gesund ist.

Szenario: Blake und Rochus spielen fünf Sätze, das Spiel dauert vier Stunden. Dann kommt Scharapowa um 21 Uhr auf den Platz. Nach ihrer Schulterverletzung bekommt sie Probleme mit der jungen Amerikanerin, die vom Publikum gepusht über sich hinauswächst. Das Spiel dauert drei Stunden. Roddick betritt um Mitternacht den Platz. Alle erwarten einen lockeren Sieg und gehen nach Hause. Doch Roddick ist müde. Er will jetzt kein Tennis spielen. Er will lieber schlafen. Er geht über fünf Sätze. Und verliert. Um fünf Uhr morgens. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das kann doch auch nicht im Sinne der Veranstalter sein. Und mit der besten Fernsehzeit hat auch das nichts mehr zu tun.

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