HAWK-EYE : Folge 5: Tennis in 2D

Jedes Grand-Slam-Turnier ist eine kleine Welt für sich. Von Eindrücken, Kuriositäten und kleinen Geschichten am Rande der US Open erzählt an dieser Stelle täglich Anke Myrrhe, live aus New York.

Anke Myrrhe[New York]

203 Stufen muss man hinauf. Es bedarf schon einer recht guten Kondition, um den höchsten Punkt des Arthur-Ashe-Stadiums zu erreichen, dem größten Tennisstadion der Welt. 23 763 Zuschauer passen hier hinein, das entspricht dem Fassungsvermögen eines durchschnittlichen Fußballstadions. Beim Fußball sind allerdings die Bälle auch etwas größer und die Entscheidungen hängen selten von einigen Millimetern ab. Gut, es gab da mal eine… aber das ist eine andere Geschichte.

Schnaufend kommen einige der beleibteren amerikanischen Zuschauer auf den ganz hinteren Plätzen an und ärgern sich gleich, nicht noch etwas zu Essen und zu Trinken mitgebracht zu haben. Denn sie müssen 77 Stufen wieder runter und hoch, nur um ein Bier und ein paar Nachos zu holen. Zugegebenermaßen ist die Aussicht über die gesamte Anlage des Billie Jean King National Tennis Center super. Sogar bis nach Manhattan kann man rüber schauen. Nur dass eine tolle Aussicht nicht der Grund ist, warum die Leute hier oben rund 50 Dollar für ihr Ticket bezahlt haben. Sie wollen das Tennismatch da unten sehen. Aber kann man das aus dieser Entfernung überhaupt?

Man wundert sich, das geht erstaunlich gut! Aus der Vogelperspektive schaut man auf den Tennisplatz hinab, kann die Ballwechsel deutlich erkennen und bekommt zumindest eine Vorstellung davon, ob der Ball innerhalb oder außerhalb des Feldes aufkommt. Die Spieler sind klein wie Playmobilmännchen, aber man erkennt ganz eindeutig, wer wer ist. Und hat trotz allem das „Schau mal, da unten spielt tatsächlich Rafael Nadal“-Gefühl.

Dennoch läuft das Spiel quasi in 2D ab. Wie das alte Atari Computerspiel, bei dem die Spieler mit zwei Strichen auf jeder Seite des Bildschirms versuchen, den Ball nicht in ihr eigenes Feld durchzulassen, sieht das Match zwischen Nicolas Kieder und Rafael Nadal aus. Nur dass sich die Striche hier nicht nur nach oben und unten sondern auch nach rechts und links bewegen dürfen. Man muss sich wirklich anstrengen, um zu sehen ob der Ball von Nicolas Kiefer ein Lob war oder ein Passierschlag. Die Feinheiten der Partie bleiben den Zuschauern auf den billigen Plätzen weitgehend enthalten.

Trotzdem haben auch die hinteren Plätze des Artur-Ashe-Stadiums irgendwie ihren Charme. Hier sitzen die echten Fans, nicht diejenigen, die auf den großen Leinwänden in den Pausen beim Seitenwechsel das beliebte Gesehen-und-Gesehen-werden-Spiel spielen. Hier sitzen diejenigen, die sich die Karten von ihrem kleinen Lohn abgespart haben, nur um einmal Rafael Nadal live zu sehen (von hautnah kann man in diesem Fall wohl kaum sprechen). Und das kosten sie aus – auch in 2D. Die Stimmung hier oben ist klasse. Es ist fast schade, die 203 Stufen wieder hinabzusteigen, zu den besseren Plätzen.

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