HAWK-EYE : Folge 6: Mehr fürs Geld

Jedes Grand-Slam-Turnier ist eine kleine Welt für sich. Von Eindrücken, Kuriositäten und kleinen Geschichten am Rande der US Open erzählt an dieser Stelle täglich Anke Myrrhe, live aus New York.

Anke Myrrhe[New York]

Von oben betrachtet muss das Billie Jean King National Tennis Center gegen acht Uhr am Samstagabend ausgesehen haben wie ein Haufen Ameisen auf Drogen. Die rund 23 000 Zuschauer der Night-Session waren schon längst voller Vorfreude auf die Anlage in Flushing Meadows gepilgert, als Andy Roddick und John Isner im Arthur-Ashe-Stadium gerade mit dem dritten Satz begannen. Es war das letzte Match der Day-Session.

Ungläubig blickten die neuen Besucher auf die Anzeigetafel, als sie sahen, dass der Außenseiter Isner die ersten beiden Durchgänge gewonnen hatte. Würde ihr Liebling Andy Roddick tatsächlich gegen seinen Landsmann verlieren? Er würde! Jedoch sollte das noch knapp drei Stunden lang dauern. So lange mussten die Inhaber einer Karte für die Night-Session vor dem Stadion ausharren.

So wurde die Day-Session zur Night-Session. Wer sich am Samstag eine Karte für den Tag gekauft hatte, der bekam einiges dafür geboten. Bis 21.17 Uhr dauerte zunächst der Fünf-Satz-Krimi der beiden Amerikaner. Vor dem Arthur-Ashe-Stadium entwickelte sich eine derweil eine Art Volksfeststimmung. Die Zuschauer machten es sich um den Brunnen auf dem großen Platz vor dem Stadion gemütlich, saßen dicht an dicht gedrängt und verfolgten auf der großen Videoleinwand, was da drinnen gerade ablief. Kinder spielten im Brunnen, einige legten sich gemütlich auf den von der heißen Sonne des Tages noch warmen Steinboden, klatschten und feuerten die beiden Amerikaner ähnlich euphorisch an, wie die Besitzer der Day-Session-Karten zur nächtlichen Stunde im Stadion.

Zum richtigen Ameisenhaufen wurde die Anlage jedoch erst, als nach Roddicks Niederlage die 23 000 Menschen aus dem Stadion auf die 23 000 trafen, die davor warteten. Beinahe eine Stunde dauerte es, bis der Zuschaueraustausch erfolgreich vonstattengegangen war. Es wurde gedrängelt, geschubst und geschimpft. Tote und Verletzte wurden aber bislang nicht vermeldet.

Doch die Day-Session war auch damit noch nicht beendet. Da noch zwei Partien zu spielen waren, reagierten die Veranstalter auf die fortgeschrittene Uhrzeit und verlegten das Match zwischen Dinara Safina und der Tschechin Petra Kvitova ins Louis-Armstrong-Stadium – und weil es dafür ja auch noch Zuschauer geben sollte, durften die Inhaber der „Day-Session“ – als der Stadionsprecher diesen Begriff gebrauchte, brachen die Zuschauer spontan in Gelächter aus – dort gleich noch einen 2.34 Stunden andauernden Drei-Satz-Krimi verfolgen. Der mit einem weiteren Favoritensturz endete: Um 0.50 Uhr am Sonntagmorgen verabschiedete sich auch die Nummer eins der Welt, Dinara Safina, aus dem Turnier.

Da soll noch mal einer sagen man bekäme hier nichts geboten für sein Geld.

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