HAWK-EYE : Folge 9: Komödiantisches Comeback

Jedes Grand-Slam-Turnier ist eine kleine Welt für sich. Von Eindrücken, Kuriositäten und kleinen Geschichten am Rande der US Open erzählt an dieser Stelle täglich Anke Myrrhe, live aus New York.

Anke Myrrhe[New York]

Das dass New Yorker Publikum ganz besonders begeisterungsfähig ist, ist keine neue Erkenntnis. Es erzeugt eine unglaublich Stimmung und liebt die ganz große Show. Tolle Night-Sessions wie die von Rafael Nadal gegen Gael Monfils – und die Atmosphäre ist so gut wie in kaum einem anderen Sportstadion dieser Welt. Jene, die diesem Publikum noch etwas Extra-Show geben, werden schnell geliebt – doch ganz schnell kann diese Liebe auch in gnadenlose Abneigung umschlagen.

Ersteres erfuhr hier zum Beispiel der Österreicher Daniel Köllerer, als er in schier aussichtsloser Lage gegen Juan Martin Del Potro sein bestes Tennis spielte, ständig mit den Zuschauern interagierte, die Netzkannte küsste, sich quer über den Platz warf, um einen Volley zu spielen und sich dabei freute wie ein kleines Kind, über den seinen „schönsten Moment auf dem Tennisplatz“. Für solche Auftritte bietet Flushing Meadows genau die richtige Bühne.

Ebenfalls erfahren hat das Novak Djokovic, als er vor zwei Jahren mit seinen Imitationen von Maria Sharapowa und Rafael Nadal das Publikum verzückte. Das kann der Serbe unglaublich gut: Für Scharapowa zieht er sich die Hose hoch bis unter die Brustwarzen, stopft sein Hemd tief hinein, stellt sich kerzengerade an die Grundlinie, zuppelt sein Haar zurecht und trippelt zum verwechseln ähnlich wie die Russin herum. Nadal schob er damals gleich noch hinterher, zog die Hose bis über die Knie, legte die Oberarmmuskeln frei und zupfte sich, nun ja, in Nadal’scher Manier an seinem Hinterteil herum, bevor er dessen Aufschlagbewegung stilsicher imitierte. Die Zuschauer mussten ihn einfach liebhaben.

Eben jener Novak Djokovic musste aber auch schmerzlich erfahren, wie gnadenlos die New Yorker mit solchen Spielern umgehen, die sich daneben benehmen. Tour-Komödiant Andy Roddick hatte sich vor dem Viertelfinale der beiden im vergangenen Jahr über Djokovics ständige Zipperlein und Krankheiten lustig gemacht, worauf Djokovic – nachdem er Roddick besiegte hatte – im On-Court-Interview äußerst eingeschnappt reagierte und sich zusätzlich noch über die mangelnde Fairness des Publikums moquierte.

Auf einmal stand der Serbe als einer da, der nur austeilen aber nicht einstecken kann – und wurde vom New Yorker Publikum gnadenlos ausgebuht. „Vielleicht bin ich etwas zu weit gegangen“, gestand er eine halbe Stunde später ein, da waren die Zuschauer aber schon beleidigt nach Hause gegangen.

Zurecht hatte der Serbe folglich ein eher mulmiges Gefühl, in diesem Jahr nach New York zurückzukehren. Während seiner ersten Matches gab es einige Buhrufe und Pfiffe, worauf Djokovic wiederum ungeschickt angegräntelt reagierte.

Am Montag aber hat sich Novak Djokovic endlich mit den New Yorkern versöhnt. Allzu leicht hatte er sein Achtelfinale gegen Radek Stepanek gewonnen, da forderte ihn Darren Cahill im Kurzinterview auf dem Platz auf, doch mal wieder eine seiner Parodien zu bringen. Djokovic schüttelte ablehnend mit dem Kopf, er hatte offensichlich Angst, schon wieder jemanden ans Bein zu pinkeln. „Aber was ist mit John McEnroe?“ fragte Cahill, der sei ja schließlich kein aktueller Spieler. Als die Zuschauer dem Serben lautstark mitteilten, das sie diese Performance doch ziemlich gern als Ausgleich einer eher langweiligen Night-Session sehen wollten, rannte Djokovic schnell sein Racket holen und legte los: büllte den Balljungen an, er solle ihm verdammt noch mal endlich einen Ball geben, und schob noch ein obligatorisches „You cannot be serious!“ hinterher. Djokovic tigerte in McEnroe-Manier unruhig hin und her und zog am Ende auch noch die Er-war-aber-sowas-von-klar-aus-Nummer durch. Und erntete tosenden Beifall. Schon da war eigentlich alles wieder gut. Djokovic wirkte erleichtert.

Doch als dann noch die gerade veräppelte Tennislegende aus seiner ESPN-Kommentatoren-Kabine hinabkletterte und höchstpersönlich den Center Court betrat, kochte die Stimmung bald über. In aufgeknöpftem weißen Hemd und langer Stoffhose kam McEnroe angejoggt, hatte sich irgendwo noch schnell einen Schläger und ein paar Turnschuhe besorgt und trat zu einem kleinen Showkampf mit dem Serben an, nur um ihn – und sich selbst – dann prompt ebenfalls auf den Arm zu nehmen: McEnroe tippte den Ball wie Djokovic gefühlte 200 Mal auf, bevor er aufschlug, stand breitbeinig da und streckte sein linkes Bein extrem weit nach hinten heraus. Als er den Aufschlag ins Netz setzte, schmiss er gleich mit voller Wucht den Schläger auf den Platz – und war wieder er selbst. Die Zuschauer waren begeistert. Von beiden.

Überglücklich strahlend bedankte sich Djokovic artig bei McEnroe, der übrigens als Kommentator den Serben schon zu Beginn des Turniers wieder zu etwas mehr Freue auf dem Platz aufgefordert hatte. Da hatte er sie. Was für ein rührender Moment. „Das hat viel Spaß gemacht, und den Zuschauern hat es gefallen“, sagte Djokovic später, und schob noch hinterher, dass das doch schließlich das wichtigste sein. Er hat seine Lektion im vergangenen Jahr gelernt.

Glückwunsch zum erfolgreichen Comeback.

(All diese amüsanten Performances sind selbstverständlich auf den bekannten Plattformen im Internet einzusehen.)

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