Heftige Debatte : Eine Abseitsregel, die nicht jeder versteht

Die Fans in Europa diskutieren über das erste Tor der Holländer bei dieser EM. War die Entscheidung des schwedischen Schiedsrichters richtig? Zuschauer und Experten streiten darüber. Und jetzt muss sogar das deutsche Regelheft umformuliert werden.

Mathias Klappenbach

Abseits oder nicht? Die Internet-Debatte.



Von der Regel haben jetzt alle gehört, die Diskussionen gehen trotzdem weiter. Kurz nach dem Tor stöhnte der italienische Fanblock auf, Luca Toni zeigte auf die Videowand und protestierte bis zur Gelben Karte, in den Redaktionen ging die eilige Recherche los, und Günter Netzer sowie andere Experten verblüfften später mit ihrer Verblüffung. Schiedsrichter Fröjdfeldt hatte das 1:0 von Ruud van Nistelrooy gegen Italien anerkannt, obwohl der Stürmer bei der Hereingabe von Wesley Sneijder scheinbar klar im Abseits gestanden hatte. Doch seitlich des Tores, hinter der Auslinie, lag in diesem Moment der italienische Abwehrspieler Christian Panucci und hielt sich den Kopf. Der Schiedsrichter sah deshalb das Abseits aufgehoben – eine Regel, von der bis gestern nicht nur Experten nie etwas gehört hatten. Und deren Auslegung auch am Tag danach noch Verwirrung stiftete, obwohl sie jetzt alle kannten. Die Uefa fühlte sich – unüblicherweise – dazu angehalten, die Entscheidung des Schiedsrichter in einer offiziellen Erklärung als richtige Regelauslegung zu unterstützen.

In der Regel heißt es: „Begibt sich ein verteidigender Spieler hinter die eigene Torlinie, um einen Spieler abseits zu stellen, lässt der Schiedsrichter das Spiel weiterlaufen und verwarnt den verteidigenden Spieler bei der nächsten Spielunterbrechung, weil er das Spielfeld ohne Erlaubnis des Schiedsrichters verlassen hat.“

Größter Diskussionspunkt waren am Tag danach die Formulierungen „begibt“ und „um einen Spieler abseits zu stellen“. Sie implizieren, dass der Spieler – in diesem Fall Panucci – mit Absicht handeln muss. Panucci war aber bei der Aktion unmittelbar zuvor von seinem Torwart Gianluigi Buffon getroffen worden, eher hatte Buffon Panucci ins Aus „begeben“ als Panucci sich selbst. Doch wieso wird Panucci mit der Anerkennung des Tores für etwas bestraft, das er nicht mit Absicht getan hat? Beim Handspiel ist das schließlich auch Voraussetzung für einen Pfiff.

Weil, so sagte Manfred Amerell, der Schiedsrichtersprecher des Deutschen Fußball-Bundes am Tag danach noch einmal auf Nachfrage, vor der Bewertung der Absicht erst einmal relevanter ist, dass Panucci als nicht beim Schiedsrichter abgemeldeter Spieler weiter zum Spiel zählt. Erst in zweiter Linie spiele es bei der Auslegung in der Praxis eine Rolle, ob er das Spielfeld mit Absicht oder ohne verlassen hat.

Die Regel gibt es, um den Abwehrspielern etwa bei einer Kopfballverlängerung nach einem Eckball die Möglichkeit zu nehmen, durch einen einfachen Schritt ins Tor hinein eine Abseitsstellung zu erzeugen. Wer ganz genau gelesen hatte, verwies gestern auch auf die Formulierung „Torlinie“, die sich nur zwischen den Pfosten befinde, Panucci habe aber hinter der „Torauslinie“ gelegen und habe sich deswegen nicht mehr im Spiel befunden. „Das ist interessant, jetzt habe ich auch etwas gelernt“, sagte Manfred Amerell. „Das ist ein Missverständnis wegen der Übersetzung. Im Original heißt es ,goal line‘, womit die ganze Torauslinie gemeint ist. Da werden wir demnächst den Text ändern müssen.“

Die Regel sei nicht nur für den schnellen Schritt des Abwehrspielers ins eigene Tor gedacht. „Genauso gilt sie, wenn einer nach einem Kopfballduell neben dem Tor im Aus landet oder dahin rutscht. Ob das nun mit Absicht geschieht oder wenn jemand vielleicht wirklich verletzt ist, ist unerheblich.“ Es mag, so sieht das Bild an diesem Punkt der Diskussion aus, auch eine Frage der Praktikabilität sein, warum die Regel so ausgelegt wird. In der einen Sekunde bis zur Abseitsentscheidung vermag der Schiedsrichter kaum zu beurteilen, ob jemand verletzt ist oder etwas vortäuscht, wenn er im Toraus liegt.

Immerhin hat Panucci keine Gelbe Karte bekommen. Auch das widerspricht bei einer bestimmten Sichtweise der Regel, denn wer keine Gelbe Karte bekommt, hat nicht absichtlich gehandelt. Aber an dieser Stelle geht alles wieder von vorne los.

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