Sport : Heftige Umarmung

Jubelfeiern und Ausschreitungen in Barcelona

Julia Macher[Barcelona]

Zu „Königen der Welt“ hatte die Sportzeitung „El Mundo deportivo“ den FC Barcelona ausgerufen. Und die Mittelmeermetropole bereitete den Siegern der Champions League, die im Finale mit 2:1 gegen Arsenal London triumphiert hatten und so dem Verein den zweiten Europapokal seiner 107-jährigen Geschichte bescherten, einen Empfang, wie er majestätischer nicht hätte sein können. In Schnellbooten, umhüllt von blauroten Nebelschwaden, legte die Mannschaft von Frank Rijkaards Elf am frühen Donnerstagabend am Hafen in Barcelona an und startete dann ihren fünfstündigen Triumphzug.

Durch die Stadt ging es auf einem achtzehn Meter langen Truck, aus dessen Musikanlage unentwegt brasilianische Rhythmen und die Hymne von Barça dröhnten. Ganz vorne sambatrommelnd der stets lächelnde Ronaldinho, die Torschützen Samuel Eto’o und Juliano Belletti, der mit seinem Siegestreffer wohl das Tor seines Lebens geschossen hatte. Es war ein kleiner Trost für den Brasilianer, der nicht in den WM-Kader seines Landes berufen wurde.

Ursprünglich sollte die Mannschaft gar per Helikopter vom 15 Kilometer weit entfernten Flughafen eingeflogen werden – doch das schien dann selbst der sonst nie um große Gesten verlegenen Klubleitung zu größenwahnsinnig. Das ungewöhnliche Eintreffen der Fußballer per Boot war nicht allein dem gewünschten großen Auftritt geschuldet, sondern hatte auch Sicherheitsgründe. Am Vorabend, als 125 000 Menschen auf den Ramblas spontan den Sieg im Finale feierten, war es in der Altstadt zu Krawallen gekommen. Dabei wurden 107 Menschen leicht verletzt und mehrere Geschäfte geplündert. Dass nicht mehr passierte, darf angesichts der dichten Bebauung der Stadt als kleines Wunder gelten.

Bei der Jubelfeier am Donnerstagabend aber sollte nichts die Stimmung trüben. Und in der Tat war es ein Fest, wie es die Mittelmeermetropole bisher selten erlebt hat: Mehr als eine Millionen begeisterte Menschen, vom Greis bis zum Kleinkind, die einander weinend und lachend um den Hals fielen, sich die Kehlen heiser schrien, als sich der Truck mit den wild tanzenden Fußballkönigen zum großen Fest im Camp Nou näherte. Einem jubelten sie besonders zu: Henrik Larsson, der nach dieser Saison ins heimische Helsingborg zurückkehrt und bei seinem letzten Spiel für die Blauroten die Vorlagen für beide Treffer geliefert hatte. Dem Schweden standen Tränen in den Augen.

Die Fans von Barcelona, die „aficionados“ waren die wahren Helden dieser Nacht. Sie hatten ihren Klub nach vorne geschrieen, im Stadion, vor der Großleinwand oder dem heimischen Fernseher. Sie hatten bis zu 6000 Euro für eine Schwarzmarktkarte zusammengekratzt, damit wenigstens einer in Paris dabei sein konnte. Gestern, in einer Nacht der kollektiven Selbstvergessenheit, schlossen diese Fans nun alle in ihr großes Herz, die sich gerade in der Stadt befanden, selbst ein Häufchen englischer Touristen, das in Arsenal-Trikots etwas verloren in der Hafengegend herumirrte.

Als es ein älterer Peruaner nach dreistündigem Warten ins Camp Nou geschafft hatte, rief er unter Tränen: „Der Barça gehört uns allen!“ Das ist wohl das, was man die Poesie des Fußballs nennt.

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