Heike Henkel : „Meine Hinterlassenschaft bröckelt“

Heike Henkel über den Verlust ihrer Hochsprung-Rekorde, ihre Nachfolgerin Ariane Friedrich und Doping bei der WM.

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Heike Henkel, 45, hielt 18 Jahre lang den deutschen Rekord im Hochsprung. Henkel nahm an drei Olympischen Spielen teil und gewann...picture alliance

Frau Henkel, Ariane Friedrich hat beim Istaf in Berlin Ihren 18 Jahre alten Rekord gebrochen und ist 2,06 Meter gesprungen. Wie haben Sie das erlebt?



Im ersten Moment habe ich gedacht: Oh schade, noch einer weg.

Ihr Hallenweltrekord von 1992 mit 2,07 Metern hatte bis Februar 2006 Bestand …

… noch ein Stückchen abgebröckelt von meiner – wie soll man das ausdrücken? Hinterlassenschaft? Aber im zweiten Moment habe ich mich natürlich gefreut, dass sie das geschafft hat. Wir kennen uns persönlich ganz gut und ich mag Ariane. Und ganz ehrlich: Es wurde doch auch mal Zeit. Als neulich jemand sagte, der Rekord bestehe schon 18 Jahre, da konnte ich das erst gar nicht glauben. Das ist eine ziemlich lange Zeit.

Im Nachhinein sind Sie also froh?

Ja, das ist schon okay. So ein Rekord ist zwar schön, aber der gerät doch eher in Vergessenheit. Und ich habe ja noch meine olympische Goldmedaille von 1992, die kann mir niemand wegnehmen. Und sie ist eine würdige Nachfolgerin von mir, finde ich. Das ganze Drumherum, wie sie sich vorbereitet, was sie für eine Konstanz hat in ihren Leistungen. Es freut mich sehr, dass sie diese Hochsprungtradition weiterführt.

Ariane Friedrich ist erst 25. Haben Sie ihr diesen Rekord jetzt schon zugetraut?

Es hat sich im letzten Jahr schon abgezeichnet, dass sie mit ihrer Konstanz zu ganz großen Geschichten fähig sein könnte. Im Vergleich zu mir ist sie etwas früher dran, aber zu früh würde ich nicht sagen. In Peking hat es ja noch nicht geklappt, ich glaube, das wäre ein wenig zu früh gewesen. Deswegen habe ich das auch gar nicht so tragisch gesehen. Jetzt hat sie die Zeit, sich auf die nächsten Spiele vorzubereiten.

Was trauen Sie ihr für das heutige WM-Finale zu?

Sie ist jetzt den Rekord gesprungen. Ich weiß nicht, wie ihr persönlicher Zustand derzeit ist, aber wenn man das mal beobachtet hat – sie ist immer topfit gewesen zu den Wettkämpfen –, traue ich ihr diese Höhe durchaus zu.

Also die 2,06 Meter. Und wie sieht es mit dem Weltrekord von 2,09 Meter aus, 1987 aufgestellt von Stefka Kostadinowa?

Nein, Weltrekord glaube ich nicht. Das ist sicher auch nicht ihr primäres Ziel, das sollte es, glaube ich, auch nicht sein.

Welche Rolle spielt das Duell mit der kroatischen Titelverteidigerin Blanka Vlasic?

Das ist von Vorteil. Vorneweg zu springen macht auch dem Athleten keinen Spaß; man braucht auch etwas Druck von hinten, um leistungsfähiger zu sein. Ich glaube daher, dass zwei Meter nicht reichen werden, um in Berlin zu gewinnen. Zu meiner Zeit hat es sich um diese Höhe immer entschieden. Das wird diesmal schon ein wenig höher gehen. Ab 2,03 Meter kann man damit rechnen, dass eine Entscheidung fällt.

Beim Istaf hat Ariane Friedrich die zwei Meter gleich zum Einspringen aufgelegt.

Das ist schon ziemlich cool. Das hätte ich mich nie getraut früher. Aber das sind solche psychologischen Tricks, um zu zeigen, was man drauf hat, und um die anderen zu beeindrucken.

Was machen Sie eigentlich hier in Berlin?

Ich habe einiges zu tun. Ich war zum Beispiel mit Sergej Bubka und diversen anderen Sportlern bei der Eröffnung – als Sportlegende, sozusagen als Botschafterin der Leichtathletik-WM und Repräsentantin des deutschen Sports.

Fühlen Sie sich denn als Legende?

Es ist schon komisch, so genannt zu werden. Legenden sind doch meistens tot, oder? Und so alt sind wir alle ja doch noch nicht. Vielleicht in den Augen der jungen Athleten schon. Aber es ist ja auch irgendwo eine Auszeichnung.

Sie haben sich lange Zeit auch im Anti-Doping-Kampf engagiert. Warum haben Sie damit aufgehört?

Der Zeitaufwand hat sich nicht gelohnt für das, was hinten herauskam. Ich konnte auch nicht so viel einbringen, hatte ich das Gefühl. Es ging alles sehr schleppend voran und dann ist kein Geld da. Ich habe Familie, die Zeit kann ich auch besser nutzen.

War nicht auch etwas Frustration dabei?

Ja, ich habe auch die Lust verloren. Mir ist das zu einseitig. Nur Kontrollen sind zu wenig. Mir wäre es wichtiger, ein Unrechtsbewusstsein bei den Sportlern und Beteiligten herzustellen, vor allem bei jungen Athleten, damit die damit aufwachsen und sich überhaupt eine Meinung bilden können und selbst entscheiden: Diesen Weg gehe ich nicht.

Was glauben Sie, welche Rolle spielt Doping bei diesen Weltmeisterschaften?

Ich kann keinen Prozentsatz nennen, aber eine Rolle spielt es auf jeden Fall. Es sind mit Sicherheit gedopte Athleten dabei, auch wenn man keine findet. Das muss man leider so sagen, weil es einfach zu viele Sachen gibt, die man nicht nachweisen kann.

Auch im Hochsprung?

Ja, mit Sicherheit. Es gab in der Vergangenheit genügend Springerinnen, die erwischt wurden. Das Mittel hat ja auch immer eine andere Funktion: Nicht nur, dass es körperlich hilft, sondern man glaubt ja auch daran, dass es hilft. Das gute am Hochsprung ist: Man kann gut trainiert haben und stark sein, aber es ist immer noch sehr schwierig, das umzusetzen. Im Sprint ist das etwas einfacher. Es stört mich, dass ich da immer gleich ins Zweifeln komme, aber es ist schwer, den Athleten zu vertrauen.

Vertrauen Sie Ariane Friedrich?

Ja, wenn ich einer vertraue, dann ihr. Man kann sich natürlich nie ganz sicher sein, aber die Art, wie sie damit umgeht und spricht, überzeugt mich.

Das Gespräch führte Anke Myrrhe.

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