Sport : Heilandmailand

Wie viel Trapattoni verträgt der VfB?

Uwe Zellmer

Im Märzen, einige Wochen, bevor die VfB-Stuttgarter begannen, ihr Heil in Mailand zu suchen, hatten wir am Albrand Premiere mit dem Programm Schiller, Klinsmann und mir – Südliche Tage. Mir gehen da den Fragen von Fußball und Kunst nach – „der Rhythmus ist der gemeinsame Nenner aller Künste“, Peter Brook. Wo kommt der Schwabe her und warum ist er nicht dort geblieben? Wie viel Süden verträgt der Schwabe? Zeitgeschichtlich ist nun eine weitere Frage dazugekommen: Wie viel Trapattoni verträgt der VfB?

Schon damals, als wir Schwaben noch die Sueben waren und im Havelland, in der Mark Brandenburg lebten, die Ostsee noch suebisches oder schwäbisches Meer hieß, wie heute der Bodensee, träumten wir den Traum vom Süden: Irgendwo könnte es schöner sein als zwischen diesen Seenplatten, irgendwo müsste das dolce far niente, das süße Nichtstun, leichter sein.

Als unsere Stammesfürsten mit dem Schlachtruf „Allemanni, Allemanni“ zum Aufbruch riefen, waren wir alle Mann dabei, die Frauen gleich mit. Nach Rom führten die Wege. Doch in Mailand lauerten die Langobarden mit den Hellebarden und schlugen erbarmungslos auf die kräftigen Schwabenköpfe ein. So sind wir dann gern zurück über die Alpen und ließen uns nieder in all den schönen Flecken mit -ingen. Der Holzgerli in Holzgerlingen, der Tübi in Tübingen, der Bali in Balingen, der Melchi in Melchingen und der Echterdi in Echterdingen.

Bevor die Vokabeln Amen, Tor oder Abseits in Schwaben populär wurden, war das meistgesprochene Wort Heilandmailand. In einem Zug, ohne Punkt und Komma. Fluch und Sehnsuchtswort zugleich. Von der Historie her und der Friedensbewegung her ist es eine Großtat, den Trainer Trapattoni nach Stuttgart einzuladen. Dass er schon mal bis München gekommen war, verkleinert die Sache nicht, hier war ja auch ein Schwabe tätig aus dem Ulmer Stamm der Hoeneß-Brüder. So betrachtet ist Stuttgart die Vollendung des Münchner Projekts. Habe nixe fertig. Wie vertragen wir’s nun, das südliche Licht?

Gustav Schwab, Dichter und Pfarrer aus dem schwäbischen 19. Jahrhundert, lässt in seiner Ballade – Ballade ist ein kleines Drama, in etwa die gleiche Kunstform wie Elfmeterschießen – einen Reiter aus Gomaringen bei Tübingen über den Bodensee reiten. Es ist Winter, der See hat seine Gfrörne – ein Seufzer läuft Schlittschuh auf nächtlichem Eis – der Reiter ahnt nicht, dass er längst den See überschritten hat, wieder auf sicherem Boden weilt. Als ihm eine junge hübsche Schweizerin sagt, der See liege hinter ihm und der Kahn, seufzt er und stirbt. Grad die Schweiz erreicht und schon zu Tode erschrocken.

Mit Schweizern hat der VfB schon seine Freude gehabt, Klinsmann hat Anfang der Neunziger Mailand erreicht, traut sich bis nach Kalifornien. Ein alter schwäbischer Traum wird wahr. Der Süden ist möglich.

Trapattoni isch klasse. Heilandmailand!

Der Autor, Jahrgang 1946, war süddeutscher Auswahlspieler, Studentennationalspieler und absolvierte ein Probetraining beim FC Bayern. Heute ist er Präsident des Theaters Lindenhof in Melchingen.

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