Sport : Heilig und effektiv

Gianluigi Buffon ist Italiens einzige Hoffnung

Frank Hellmann

Wien - Ein Lächeln? Kein Problem. Grazie! Prego! Ein Autogramm? Sofort. Grazie. Prego! Vielleicht noch ein Foto? Geht. Grazie! Prego! Der Weltstar des Weltmeisters zum Anfassen. Gianluigi Buffon beugt sich zu den Kindern herab, die verwaschene Trikots der italienischen Nationalmannschaft tragen. Verehrer, die stundenlang vor dem Casa Azzurri, einer zum italienischen Medienzentrum umfunktionierten Bettfedernfabrik von Bad Waltersdorf, gewartet haben, nur um eine Unterschrift zu ergattern. Kann der 30-Jährige daran vorbeigehen? Kann er nicht.

Man hatte Buffon zum Pressetermin geschleppt, was eine verdammt kluge Idee in einer verdammt gefährlichen Gemengelage gewesen ist. Denn der smarte Italiener mit dem pechschwarzen Haar, dem gepflegten Dreitagebart und dem hoch geschlagenen weißen Hemdkragen dient derzeit allein dazu, vor dem Gruppenendspiel heute gegen Frankreich in Zürich auf gute Stimmung und traute Zuversicht zu machen. Jedem anderen, erst recht nicht dem eigentlich schon entlassenen Trainer Roberto Donadoni, würde man die vielen Worthülsen gar nicht glauben. Aber wenn Buffon sagt, uns macht das noch stärker, wenn wir nach dieser bislang nicht so glücklichen Gruppenrunde weiterkommen, ist das eine Botschaft.

Er hat sich nach dem Ausfall von Fabio Cannavaro die grellgelbe Kapitänsbinde an den rechten Oberarm binden dürfen, er war der Ausnahmetorhüter, der mit einer außergewöhnlichen Elfmeterparade überhaupt das 1:1 gegen Rumänien sicherte. Für das Sportblatt „Gazzetta dello Sport“ ist er jetzt „San Buffon“, der heilige Buffon.

Italien muss siegen, Rumänien darf nicht gewinnen, sonst ist auch diese EM vorzeitig zu Ende. „Wir müssen das Spiel unseres Lebens machen. Noch so einen K. o. wie vor vier Jahren in Portugal würde ich nur schwer verkraften“, hat der Tormann gesagt. So etwas hört die italienische Presse gerne, die derzeit allein die Nummer eins von den vernichtenden Kritiken ausspart. Ansonsten wird erstaunlich viel Kraft darauf verschwendet, absurde Verschwörungstheorien zu konstruieren, was Buffon gar nicht gut heißt. „Wir müssen die Schiedsrichter und all diese Überlegungen vergessen“, sagt Gianluigi Buffon. „Es zählt nur das Spiel gegen Frankreich und das Ergebnis.“

Die Ergebnissicherung hat keiner so perfektioniert wie der 1,91 Meter große Ästhet zwischen den Pfosten. Sein Torwartspiel ist eine einfach wirkende Interpretation. Aber das ist ja die wahre Kunst, die unnötigen Flugshows wirklich überflüssig zu machen. Sein Stil zielt auf Effektivität, auf das Eingreifen im richtigen Moment. Ein Torhüter müsse mit sicherem Auftreten und nicht mit akrobatischen Einlagen überzeugen, sagt er. Zu bekritteln gibt es bei ihm, wenn überhaupt, nur etwas am Outfit. Aber das ist den Fans ziemlich egal, vor allem solange er die italienische Hoffnung so festhält wie bisher. Frank Hellmann

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