Sport : Heilige Rückkehr

Das Comeback des Bergspezialisten Richard Virenque

Claus Vetter

Im Jahr 2000 machte die Tour de France für einen Tag in Freiburg Station. Bei brütender Hitze warteten Fans stundenlang vor dem Hotel eines Radprofis. Und es war nicht etwa Jan Ullrich, für den die jungen Damen aus Deutschland schwitzten, es war ein Franzose. Der sympathische Junge mit dem schiefen Lächeln: Richard Virenque.

Der Angebetete ließ damals lange auf sich warten. Eine Verehrerin freute sich derweil darüber, dass sie von Betreuern des Teams Polti „heiliges Wasser“ geschenkt bekommen hatte. Eben von jenem Vorrat, aus dem sonst ihr Idol verköstigt wurde. Als der Franzose dann schließlich doch noch an den Fans vorbeischlenderte, gab es ein Kreischkonzert. Ein Fan meinte später verzückt: „Das Bergtrikot steht ihm ja sooo gut, aber auch alle anderen, am besten ist er eh ohne Trikot.“ Popstar Virenque.

Davon ist wenig übrig geblieben, dachten viele vor dieser Jubiläums-Tour. Virenque hat einen Dopingskandal hinter sich, ist schon 33, und seine Chancen, noch einmal Großartiges zu leisten, wurden gering eingeschätzt. Es kam anders. Gestern wurde der Franzose auf den Champs-Elysées zum sechsten Mal als bester Bergfahrer der Tour geehrt. Ein unerwartetes, weiteres Kapitel einer erstaunlichen Erfolgsgeschichte. Vor drei Jahren schien Virenques Karriere beendet, der Dopingskandal um sein ehemaliges Team Festina nagte am Image des Franzosen und bescherte ihm ein Fahrverbot. Schon 1998 war sein Team während der Tour ausgeschlossen worden.

Virenque hatte immer wieder geleugnet, verbotene Substanzen eingenommen zu haben. 27 Monate lang, bis zum Prozess in Lille. 1999 hatte er in seinem Buch „Ma Vérité“ („Meine Wahrheit“) seine, geschönte Version des Skandals dargestellt.

Zum Prozess am 24. Oktober 2000 erschien Virenque mit knallblond gefärbten Haaren. Doch mit seinem jugendlichen Charme konnte er niemanden mehr beeindrucken, erst recht nicht die Richter. Der Franzose spielte zwar den geläuterten, aber doch irgendwie unschuldigen Virenque. Selbst Tränen flossen. „Ich war wie ein Schaf, und ich konnte nicht aus der Herde ausbrechen, denn dann wäre ich am Ende gewesen“, beteuerte er. Es half ihm alles nichts: Virenque wurde bis zum Oktober 2001 gesperrt, die Tour fand ohne ihn statt. Als Richard Virenque dann ein Jahr später wieder an der Frankreich-Rundfahrt teilnehmen durfte, interessierten sich nur noch wenige für ihn. Die Franzosen feierten Laurent Jalabert; der trug auch noch das Bergtrikot. Virenques Etappensieg am Mont Ventoux fiel da wenig ins Gewicht.

Erst bei der jetzigen Tour de France ist Virenque richtig zurückgekehrt. Er hat die erste Alpen-Etappe gewonnen, für einen Tag sogar das Gelbe Trikot getragen und am Ende das Bergtrikot gewonnen. Und da stört sich in Frankreich auch niemand daran, dass sich Virenque wieder so in Szene setzt wie bei seinem Tränenausbruch vor Gericht. „Ich wollte auf dieser Tour Großartiges leisten, und das ist mir gelungen“, hat er gesagt.

Sie haben Richard Virenque in der Heimat vergeben. Das mussten sie ja auch. Mit wem sonst soll die Radsportnation Frankreich mitzittern? Am Gesamtklassement haben die Franzosen beim größten Sportereignis im eigenen Lande seit geraumer Zeit wenig Freude. Mit Bernard Hinault gewann letztmals ein Landsmann von Virenque die Tour de France – das war 1985.

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