Sport : Heiligtum Millerntor

Die Mitglieder des FC St. Pauli stimmen ab, ob der Stadionname verkauft wird

Moses März

Berlin - Für Jochen Harberg wäre eine Umbenennung des Millerntor-Stadions nach einem Sponsor so, als würde er seinen Familiennamen verkaufen. „Und Familie ist schließlich heilig“, sagt Harberg. So heilig wie sein FC St. Pauli. Weil ihm der Ruf seines Vereins am Herzen liegt, hat er einen Antrag gestellt, der dem Präsidium verbieten soll, den Stadionnamen „Millerntor-Stadion“ zu Werbezwecken zu verkaufen. Darüber werden die Mitglieder des Vereins heute bei der Jahreshauptversammlung abstimmen.

Dass deutsche Stadien den Namen von Firmen tragen, ist nicht neu. Dass sich aber die Mitglieder eines Vereins in einer Abstimmung dagegen zu Wehr setzen wollen, gab es noch nie. Es überrascht nicht, dass es die Mitglieder eines der ungewöhnlichsten Klubs im Profifußball sind, die nun als erste zum Gegenangriff übergehen. Der Verein, der von sich selbst sagt „non-established since 1910“ zu sein, gilt als Heimat für Fans, die gegen Faschismus und Rassismus, aber auch gegen Kapitalismus und alle Mächtigen im Profifußball sind. Heute wird sich zeigen, ob dieses Bild noch mit der Realität übereinstimmt. Ist St. Pauli eine Insel inmitten einer kommerzialisierten Fußballwelt oder ein Team der Zweiten Liga, das die Klasse halten will und sich den Regeln des modernen Marktes nicht verschließen kann?

Von totaler Ablehnung gegen eine Umbenennung unter den Fans kann jedenfalls keine Rede sein. „Astra ja, Hamburg-Mannheimer no way“, ist die Meinung einiger im St.-Pauli-Internet-Forum. Sie würden ein politisch-korrektes, lustig klingendes oder wenigstens lokales Unternehmen als Namensgeber für ihr Stadion akzeptieren. Auch die Ansicht, dass nur genug gezahlt werden müsse, damit der Namensverkauf legitimiert ist, findet man in dem Internet-Forum: Es müsste nur ein Unternehmen kommen und sagen: „30 Millionen Cash in die Tasche und ihr nennt das Stadion nach mir.“

Auch wenn es sich bei dem Betrag, der bislang zur Diskussion stand nur um 400 000 Euro handelt, sieht der Antragssteller Harberg das Problem grundsätzlicher. Ihm ist es egal, wie viel Geld in die Vereinskassen fließen würde. Eher würde er in die Dritte Liga absteigen, als dass er eine Million Euro von der Deutschen Bank annehmen würde. „Die Stimmung in der Zweiten Liga ist durch die frühen Spielansetzungen sowieso nicht gut.“ Bei den Freitagsspielen um 18 Uhr seien die Pauli-Anhänger längst „nicht so gut drauf wie in der Regionalliga um acht“. Diesem Problem widmet sich ein eigener Antrag bei der Jahreshauptversammlung, der die Vereinsführung dazu auffordert, sich beim verband dafür einzusetzen, dass künftig in den Bundesligen nur samstags gespielt werden soll.

Harberg geht es aber um mehr. Er will ein Zeichen gegen die Kommerzialisierung des Fußballs setzen, um den wertvollsten Besitz des Vereins – die Fans – zu vergrößern. „Uns würden in ganz Deutschland millionenfach Sympathien zufliegen“, sagt Harberg, „das ist auch Kapital auf längere Sicht.“ Etwa 90 Prozent aller Mitglieder sympathisieren nach seiner Ansicht mit dem Umbenennungsverbot. Die Auswirkungen des Votums sind aber eine ganz andere Geschichte. „Formal-juristisch hat das Ergebnis der Abstimmung keine Konsequenzen“, stellt Michael Meeske klar. Er ist der Geschäftsführer des FC St. Pauli und Vorsitzender der Millerntor-Betreibergesellschaft, die letztlich über die Namensgebung bestimmen kann. Obwohl er die Wünsche der Mitglieder ernst nimmt, lehnt er das Schwarz-Weiß-Denken der Antragsteller ab. Meeske sagt: „Sie ignorieren fälschlicherweise die Rahmenbedingungen des Profifußballs.“

Vielleicht geht es Jochen Harberg aber nicht nur um das Ergebnis seines Antrags, sondern darum, auf welche Weise eine solche Thematik innerhalb des Vereins diskutiert wird. Es demokratisch und humorvoll zu tun, ist vielleicht schon genug moralischer Gewinn.

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