Sport : Heilung nach den Hieben

Witali Klitschko hat seine schmerzvolle Niederlage gegen Lennox Lewis verarbeitet – jetzt wartet Rahman

Michael Rosentritt

Wenn Witali Klitschko morgens in den Spiegel schaut, formen sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln. Er dreht seinen Kopf leicht nach links, dann leicht nach rechts, so wie es ein Mann nach einer Rasur tut, um sicherzugehen, dass er nichts vergessen hat. Nein, nix mehr zu sehen. Na ja, vielleicht eine feine, leicht verfärbte Linie zweieinhalb Zentimeter unterhalb seines linken Auges. Aber nur wer es weiß und danach sucht, sieht sie. Aber sonst? Witali Klitschko ist wieder ein glücklicher Mensch.

Vor gerade mal sieben Wochen sah das noch ein wenig anders aus. Der 2,02 m große Boxer aus Kiew war nach denkwürdigen sechs Runden gegen den Schwergewichtsweltmeister Lennox Lewis zum Verlierer erklärt worden – verletzungsbedingt, wie es so schön heißt. Der Ringarzt hatte dem Ringrichter in der Pause zur siebten Runde empfohlen, den Kampf abzubrechen. Der Ukrainer lag zu diesem Zeitpunkt auf den Punktzetteln mit 58:56 vorn. Wegen einer sechs Zentimeter langen Risswunde am Lid des linken Auges hatte der Ringrichter den Kampf gestoppt.

Die anderen Cuts, die sich Klitschko in diesem Kampf zugezogen hatte (es waren insgesamt fünf in der linken Gesichtshälfte), waren weniger gefährlich. 60 Stiche waren erforderlich, um alle Wunden zu nähen. In der Folge hatte der unabhängige Hautexperte Volker Steinkraus aus Hamburg Witali Klitschko bescheinigt, die Narben seien verheilt. „Es ist ein absolut unauffälliger Hautbefund. Es gibt keine Verdickung, die Narbe ist strichförmig gehalten. Sie steht auch nicht unter Spannung. Beim Boxen müssen Sie sich bestimmt nicht zurückhalten“, sagte Steinkraus dem Patienten. Ein solches Gutachten hatte Lennox Lewis gefordert, bevor er dem 32-jährigen Klitschko eine zweite Chance einräumen wollte. Aus dermatologischer Sicht steht einer WM-Revanche nichts im Wege.

Die Probleme sind jetzt andere. Zumindest muss Klitschko auf das Rematch länger warten, als ihm lieb ist. Lewis teilte über seinen Anwalt Judd Burstein mit, dass er sich nicht in der Lage sehe, die Vorbereitungen auf den für den 6. Dezember terminierten Rückkampf zu beginnen. „Wir machen jetzt eine Planung und schauen, was für uns das Sinnvollste ist“, sagte Klaus-Peter Kohl, Chef der Universum Box-Promotion, bei der Klitschko unter Vertrag steht.

Klitschko selbst zeigte sich überrascht, dass Lewis zu dem vereinbarten Zeitpunkt nicht antreten wolle. „Anscheinend hat er mehr Respekt vor mir als angedeutet. Ich finde es sehr schade und kann nur sagen, dass ich bereit bin“, sagte Klitschko. Eine Revanche wird frühestens im Frühjahr 2004 stattfinden. „Ich muss niemandem etwas beweisen“, sagte Lewis. „Ich habe schon bewiesen, dass ich Klitschko an meinem schlechtesten Tag schlagen kann. Und er kann niemals besser sein als an diesem Tag.“

Trotz der Abbruch-Niederlage wird Klitschko in der Rangliste des Weltverbandes WBC an Nummer zwei geführt. Diese Position wird er möglicherweise noch vor dem für das kommende Jahr anberaumten Rematch gegen Lewis verteidigen. Klitschkos Management bemüht sich derzeit um prominenten Ersatz. „Wir wollen Witalis Popularitätsschub in den USA nutzen“, sagt Promoter Kohl. Logisch ist ein Kampf gegen Hasim Rahman, die Nummer eins der WBC-Rangliste. „Wir sind sehr interessiert an dem Kampf“, ließ Rahmans Manager Steve Nelson verlauten. Der US-Amerikaner Rahman hatte Lennox Lewis schon einmal geschlagen, das Rematch aber verloren. Möglich, dass ein Kampf zwischen Klitschko und Rahman den Status einer Interims-WM erhält. Sollte Lewis tatsächlich seinen Titel nicht mehr verteidigen oder aber sogar freiwillig niederlegen, würde der Sieger des Kampfes Klitschko gegen Rahman im Nachhinein zum Weltmeister ernannt werden.

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