Heimatverbundenheit : Mit dem Kopf im Iran

Sichtbar belastet spielt der im Iran geborene deutsche Nationalspieler Ashkan Dejagah in der U-21-EM: Unruhen in seiner Heimat belasten ihn.

Gregor Derichs

HelsingborgWenn Nachrichten im Fernsehen laufen, schaut Ashkan Dejagah lieber weg. „Das ist sehr traurig, was in der Heimat passiert“, sagt der 22-Jährige. Vor fünf Wochen ist der im Iran geborene Fußball-Profi mit dem VfL Wolfsburg Deutscher Meister geworden, in den letzten zwei Wochen hat er mitgeholfen, dass die deutsche U-21-Nationalmannschaft erstmals seit 27 Jahren ein Halbfinale bei einer Europameisterschaft erreicht hat. Doch dem in Berlin aufgewachsenen Deutsch-Perser fällt es wegen der politischen Unruhen im Iran schwer, sich auf die Partie gegen Italien zu konzentrieren, in der die deutschen Junioren heute (20.45 Uhr/live im ZDF) in Helsingborg in das Endspiel einziehen können.

„Ich versuche, mich voll auf das Spiel vorzubereiten“, sagt Dejagah. Doch die Sorgen, die ihn wegen der TV-Bilder oder nach den Telefonaten mit seiner Familie im Iran befallen, kann er nicht wegwischen. Seine Bindung zur Heimat seiner Eltern ist groß, aus Loyalität zum Iran hat er in der EM-Qualifikation sogar das Spiel in Israel boykottiert, was ihm eine Rüge von Theo Zwanziger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), einbrachte. Das dürfe sich nie mehr wiederholen, hieß es. In Schweden ist Dejagah beim Team, aber in Gedanken häufig abwesend.

Vor dem Halbfinale gegen Italien hat Trainer Horst Hrubesch bei mehreren Spieler festgestellt, dass sie nicht richtig bei der Sache sind. „Ich denke, es ist eine Kopfsache. Die Spieler sind im Kopf nicht frei genug“, sagte Hrubesch. „Einige wollen zu viel. Vielleicht setzen sie sich zu sehr unter Druck.“ Anders als mit nicht exakt greifbaren Hemmungen kann sich der 58-Jährige die zuletzt bescheidenen Leistungen auf dem Weg ins Halbfinale nicht erklären. Hrubesch vermisst zudem einen Leitwolf im Team. „Das große Problem ist, dass keiner die Sache in die Hand nimmt und führt“, sagt er. „Wir haben nicht unbedingt die erfahrenen Figuren aus den Vereinen.“ Das liegt allerdings in der Natur der Sache. Die Junioren müssen sich, so talentiert sie sind, in den Klub-Hierarchien meist hinten anstellen. Sami Khedira, in Stuttgart durchaus anerkannt, beschäftigt sich intensiv damit, wie er selbst und das ganze Team besser funktionieren könnten. „Wir haben stundenlang diskutiert“, sagt er. Ein klares Ergebnis kam nicht dabei heraus. Es haben sich aber auch nicht alle Mitspieler intensiv beteiligt.

Denn nicht nur Dejagah ist vor dem Duell gegen Italien, das mit fünf Titelgewinnen in der U-21-Altersklasse Rekordeuropameister ist, abgelenkt. Torwart Manuel Neuer wird vom FC Bayern umworben. Außerdem ist die Abwerbung durch andere Verbände ein Thema: Verteidiger Jerome Boateng vom Hamburger SV wurde damit konfrontiert, da sein Halbbruder Kevin-Prince Boateng Nationalspieler von Ghana werden will. Er hatte im Frühjahr noch für die deutsche U-21-Mannschaft gespielt. Sebastian Boenisch wird vom polnischen Verband heftig umworben.

Mehrere Ersatzspieler beschäftigt ihr Dasein auf der Bank intensiv. Da aber sieben Spielern bei einer weiteren Gelben Karte eine Sperre für das Finale droht, ist bei den Reservisten noch eine gewisse Spannung vorhanden. Ein Einsatz im Endspiel erscheint zumindest möglich. Deswegen wird nicht gemurrt, man hält sich bereit. Und es gibt sogar die Spieler, die von „Kopfproblemen“ völlig unbeeinträchtigt bleiben. Der Leverkusener Gonzalo Castro ist so einer: „Wir sind stolz darauf, so weit gekommen zu sein. Noch zwei Spiele und wir sind Europameister.“

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