Sport : Heimnachteil

Warum Deutschlands Volleyballerinnen schon in der Zwischenrunde der WM scheiterten

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Von Helen Ruwald

Riesa. So ein Heimnachteil ist eine schlimme Sache. Und das auch noch bei einer Weltmeisterschaft. Man muss vor vielen Menschen spielen, die einem zujubeln, ist gezwungen, Interviews und Autogramme zu geben. Dinge, die den deutschen Volleyballnationalspielerinnen natürlich nicht grundsätzlich zuwider sind. Dass aus dem Heimvorteil dennoch ein Heimnachteil geworden ist und die Deutschen, Grand-Prix-Dritter in diesem Frühjahr und Fünfter bei Olympia 2000 in Sydney, in der Zwischenrunde ausgeschieden sind, hat mit dem Unwort der Woche zu tun: Druck. Immer wieder haben es die Spielerinnen und manchmal der Trainer benutzt. Druck vom Verband, von der Öffentlichkeit, von den Medien. „Wir haben uns zu viel Druck gemacht, dass wir weiterkommen wollen, wir waren nicht frei im Kopf“, sagte Mittelblockerin Birgit Thumm nach dem 0:3 gegen Brasilien am Sonnabend. Die 0:3-Niederlage gegen die USA gestern hatte nur noch statistischen Wert, Deutschland stand schon vorher als Gruppenletzter fest.

Werner von Moltke, Präsident des Deutschen Volleyball-Verbands (DVV), hatte vor der Zwischenrunde brav sein Vokabular geändert, sprach nur noch von einer „Überraschung", die er sich erhoffe, „von Medaillen darf ich ja nicht mehr reden“. Wegen des Drucks. Nach dem Aus hingegen hielt er seinen Unmut nicht mehr zurück: „Es ist Anachronismus, die WM im eigenen Land als schwierig hinzustellen", sagt Werner von Moltke, „es muss ein Vorteil und eine Herausforderung sein, vor eigenen Fans zu spielen."

Nur weil Tschechien im letzten Vorrundenspiel überraschend Japan geschlagen hatte, qualifizierten sich die Deutschen noch für die Zwischenrunde. Der „Schleichweg Riesa“ (von Moltke) mit vermeintlich leichten Gegnern sollte die Gastgeber ins Viertelfinale führen. Selbst das Halbfinale schien nicht utopisch. Stattdessen findet die Endrunde in Berlin ohne die Gastgeber statt.

Von Moltke will Volleyball in Deutschland aus dem Nischendasein herausholen. Er hat auch die EM 2003 der Männer nach Deutschland geholt und will die Beachvolleyball-WM 2005 ausrichten, „dann hat der Volleyball es hoffentlich geschafft“. 300 000 Euro hat der DVV an Produktionskosten für TV-Übertragungen beigesteuert, mit dem öffentlichen Interesse ist von Moltke zufrieden, „mit dem sportlichen Ist-Zustand nicht“. Das Abschneiden der Deutschen dürfte das Interesse von Sponsoren und Medien erlahmen lassen. Dabei wäre es so wichtig gewesen, es zu halten angesichts der katastrophalen wirtschaftlichen Situation in der Frauen-Bundesliga – mehrere Teams, darunter die Volley Cats Berlin, meldeten in der letzten Saison Insolvenz an. „Wir haben eine riesige Chance verpasst“, sagt Götz Moser, stellvertretender DVV-Präsident. „Das Team war nicht auf den Punkt fit, vielleicht war es beim Grand Prix in Frühform.“ In Asien, fern der Heimat, wo die Mannschaft unbeschwert aufspielen konnte. Dort konnte das Fehlen der verletzten Routiniers Hanka Pachale und Christina Schultz kompensiert werden, bei der Weltmeisterschaft nicht.

Eine Führungsspielerin fehlte, in entscheidenden Situationen brachen die Deutschen ein. Einigen „fehlt das Handwerk“, moniert Bundestrainer Hee Wan Lee. Eine Kritik am Vereinstraining. Brasilien habe schon während des Spiels per Computer die Spielzüge ausgewertet, „die Spielerinnen haben schneller neue Anweisungen bekommen“, sagt Birgit Thumm. „Wenn die Spielerinnen meine Anweisungen nicht umsetzen können, was soll ich dann machen?“, kontert Lee.

Lee musste sich nach Auswechslungen im Spiel gegen die Niederlande (0:3) gegenüber dem Präsidenten erklären. „Er sagte, dass er jungen Spielerinnen im Hinblick auf Olympia 2004 Spielpraxis geben wollte“, erzählt von Moltke, „ich habe geantwortet, dass wir hier nicht bei einem Dorfsportfest sind.“ Die Mannschaft hat in Riesa nur „60 bis 70 Prozent“ (Angelina Grün) des Grand-Prix-Niveaus erreicht. Die komplette Leistung abzurufen, sei „Aufgabe des Trainers“, sagt von Moltke, der dennoch mit Lee weitermachen will. Die Ursachenforschung geht jetzt erst richtig los. Damit der Heimnachteil beim nächsten Mal zum Vorteil wird.

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