Heimspiel gegen den VfB Stuttgart : Hertha gegen den Komplex

Seit 17 Bundesliga-Heimspielen ist Hertha sieglos – heute soll sich das ändern. Sonst drohten psychische Probleme, fürchtet Kapitän Mijatovic.

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Mit halber Kraft voraus. Mittelfeldspieler Tunay Torun (l.) ist laut Hertha-Trainer Markus Babbel ein halber Stürmer.
Mit halber Kraft voraus. Mittelfeldspieler Tunay Torun (l.) ist laut Hertha-Trainer Markus Babbel ein halber Stürmer.Foto: AFP

Berlin - Dass der 8. August 2009 einmal zu einem Datum mit historischem Gewicht für Hertha BSC werden sollte, war nach dem mauen 1:0-Erfolg zum Saisonstart gegen Hannover 96 nicht zu erahnen. Aber tatsächlich war dieser Erfolg bis heute der letzte Heimsieg in der Bundesliga für die Berliner. Im Abstiegsjahr gelang Hertha nach dem Spiel gegen Hannover kein Heimsieg mehr, und in diese Saison starteten die Berliner mit einem 0:1 gegen Nürnberg. Seit 17 Heimspielen ist Hertha sieglos – in der Bundesliga wohlgemerkt.

Heimkomplex bei Hertha in der Bundesliga? Natürlich dürfe das nicht so weitergehen, sagt Andre Mijatovic. Der Mannschaftskapitän sieht ein drohendes psychisches Problem. Wenn jeder Spieler vor dem Heimspiel am Freitag gegen den VfB Stuttgart (20.30 Uhr, Olympiastadion) an die Erwartungen von außen denke, „dann macht er sich Druck“, sagt Mijatovic. Die Köpfe seiner Kollegen aber müssten frei sein, die Unterstützung der Zuschauer sollte vom Anpfiff an Motivation sein. Das alles dürfte funktionieren, wenn Hertha von Beginn an anders auftritt als gegen Nürnberg und auch mutiger spielt als zuletzt in der ersten Halbzeit beim 1:1 in Hannover: Die Berliner stehen vor der Aufgabe, agieren und nicht reagieren zu müssen. Können sie das überhaupt?

Markus Babbel glaubt, dass seine Mannschaft die Mittel dazu hat: „Wir spielen zu Hause. Und da werden wir offensiv auftreten.“ Nun ist das dieser Tage so eine Sache mit den Aussagen des Hertha-Trainers. Der Eindruck, dass sich Babbel in einem undurchschaubaren Rhetorik-Experiment befindet, ist nicht ganz abwegig. Wann immer die Zuhörer Sarkasmus oder Zynismus in seinen Aussagen wittern, unterstreicht Babbel das Gesagte noch mal mit dem Stilmittel der Wiederholung oder garniert es süffisant lächelnd mit seinem neuen Lieblingssatz: „Das meine ich ganz im Ernst.“

Ganz im Ernst also erzählt Babbel vor dem Spiel gegen Stuttgart davon, dass er vielleicht mit drei Stürmern spielen werde. „Kein Flachs. Oder wir spielen sogar mit dreieinhalb Stürmern.“ Hurrastil auf Herthanisch? Das ist neu. Nein, sagt Babbel. „Wir haben mehr oder weniger immer mit dreieinhalb Stürmern agiert – mit Tunay Torun, Adrian Ramos, Patrick Ebert und Raffael dahinter.“ Da ist ja noch nicht mal Pierre-Michel Lasogga eingerechnet, der in Hannover zum 1:1 traf. Stellt sich nur die Frage, warum dieses offensive Feuerwerk am Sonntag in Hannover erst seine Zündung fand, als mit Lasogga ein gelernter Stürmer eingewechselt wurde? Lag es vielleicht daran, dass zuvor kaum ein spielöffnender Pass kam, die beiden Sechser Peter Niemeyer und Andreas Ottl entweder zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren oder die Bälle ins Leere schossen, Adrian Ramos keinen Ball zugespielt bekam oder Patrick Ebert lange hilflos über den Platz joggte? Babbel antwortet: „Wir haben ja nicht gegen irgendeine Mannschaft gespielt – das war Hannover 96.“

Stuttgart war in dieser Saison noch nicht so stark wie Hannover, aber trat bis zum 0:1 gegen Leverkusen solide auf. Herthas Manager Michael Preetz hat großen Respekt. „Wir werden auf eine Mannschaft treffen, die sehr gut besetzt ist und nach dem Spiel gegen Leverkusen Wiedergutmachung will“, sagt er.

Herthas Kapitän Mijatovic glaubt trotz poltriger Trainersätze, dass „die Taktik so wie in Hannover bleiben muss“. Also sei es nicht verkehrt, mit defensiver Vorsicht zu agieren – auch wenn das vielleicht nicht allen der von Hertha erwarteten 50 000 Zuschauern gefallen mag. „Wir Spieler dürfen nicht nervös werden“, sagt Mijatovic. „Das Gefühl, dass die Zuschauer ungeduldig werden, dürfen wir nicht bekommen.“

Wenn Hertha mit Vorsicht gewinnen sollte, wäre das den Fans sicher auch recht. Zwar macht ihnen die Bundesliga-Heimbilanz keinen Mut, aber vielleicht spendet ja ein kurzer Blick auf die Statistik aus dem Vorjahr Hoffnung für Fans und Mannschaft: In der Zweiten Liga wies Hertha BSC die zweitbeste Heimbilanz auf.

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