HEIMVORTEIL : Eine neue britische Liebe

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Der Übergroße.
Der Übergroße.Foto: AFP

London - Bei seinem Fluchtversuch hatte Mo Farah fast 80 000 Helfer. Der britische Läufer hatte sich entschieden, seinen Konkurrenten auf der letzten Runde der 10 000 Meter zu entkommen. Kein taktisches Geplänkel, kein listiges Überholmanöver kurz vor Schluss, nein, schnellstmöglich ins Ziel. Farah hatte hartnäckige Verfolger, aber genug Courage, und vor allem schienen ihn die Zuschauer hinter ihm zu schieben und die vor ihm zu ziehen mit ihrer Stimmkraft. Sie standen und brüllten. Die Luft im Stratford Stadium von London vibrierte beinahe.

Farah kam durch. Und krönte einen Tag, den Großbritannien so schnell nicht vergessen wird. „Ich kann es nicht glauben, das Publikum ist immer lauter geworden“, sagte er, „manche Leute denken, bei Olympia im eigenen Land zu starten bedeute Druck. Aber es gab keinen Druck, das Publikum hat heute den Unterschied ausgemacht.“ Farahs Goldmedaille über 10 000 Meter war die dritte für die Briten innerhalb von einer Stunde in der Leichtathletik, nachdem zuvor schon Siebenkämpferin Jessica Ennis und Weitspringer Greg Rutherford als Olympiasieger feststanden.

Sechsmal Gold lautete die Bilanz des Samstags insgesamt für das „Team GB“, seit den Spielen 1908 hatte das Vereinigte Königreich keinen so erfolgreichen Tag mehr bei Olympischen Spielen erlebt, und damals hatten die Briten bei der Auswahl der Disziplinen noch mitreden können.

So wurde es der „Super Saturday“ für Großbritannien, ihr bisheriger Höhepunkt bei diesen Spielen, nachdem sie doch etwas unglücklich mit einigen verpassten Chancen begonnen hatten. „Das war der größte Tag des Sports, den ich je miterlebt habe“, sagte Organisationschef Sebastian Coe.

Am Sonntag kamen mit Andy Murray im Tennis und Ben Ainslie im Finn-Dinghy weitere britische Goldmedaillengewinner hinzu. Großbritannien wird gerade eins mit Olympia. Coe glaubt sogar beobachtet zu haben, dass „die normale britische Reserviertheit verschwunden“ sei. Viele haben ihre Zurückhaltung abgelegt und tragen den Union-Jack gemalt auf der Wange oder auch mal als Stecker im Ohr.

Coe hatte das große Vergnügen, die Siegerehrung für den Siebenkampf durchführen zu dürfen. Es war vielleicht der emotionale Höhepunkt des Abends. Der Beginn verzögerte sich, trotzdem warteten die Zuschauer noch geduldig, anstatt nach Hause zu gehen, sangen erst „God save the Queen“ und dann noch „All you need is Love“. Auch Paul McCartney sang auf der Tribüne mit.

Ennis haben die Zuschauer besonders ins Herz geschlossen mit ihrer konzentrierten, kämpferischen Art, und für den Mehrkampf, die königliche Disziplin, haben sie ohnehin viel übrig, einer ihrer größten Olympioniken ist schließlich Dailey Thompson. „Ich weiß gar nicht, was sich sagen soll, ich bin immer noch wie geschockt, es ist einfach überwältigend, wie die Zuschauer mich angefeuert und unterstützt haben“, sagte Ennis. Olympia wird gerade zu britischen Festspielen. Friedhard Teuffel

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