Sport : Heine wirkt

Mit dem Sieg in Aachen verbessert Herthas Trainer seine Chancen auf Weiterbeschäftigung

Stefan Hermanns[Aachen]

Karsten Heine steht nicht in dem Ruf, ein besonders eitler Mensch zu sein. Am Samstag, nach Herthas 4:0-Sieg bei Alemannia Aachen aber, kam er als letzter Berliner aus der Kabine. Die Spieler warteten geschlossen im Bus, und als Herthas Trainer ins Freie trat, löste sich auch das Rätsel, warum es so lange gedauert hatte: Heine hatte sich noch umziehen müssen, den Trainings- gegen den Ausgehanzug getauscht, und obwohl in die Kleiderfrage von Fußballtrainern generell zu viel hineininterpretiert wird – an diesem Abend handelte es sich auch um einen symbolischen Akt: Die Arbeit ist erledigt. Bereits nach drei Spieltagen hat Heine seinen Auftrag erfüllt und Hertha BSC den Verbleib in der Fußball-Bundesliga gesichert.

Dieter Hoeneß wurde nach dem Spiel zu den kurzfristigen Perspektiven des Vereins und den langfristigen seines Trainers befragt. Während Herthas Manager der Mannschaft zutraut, sich nach Monaten des Missvergnügens doch noch für den UI-Cup zu qualifizieren, blieb er in der Trainerfrage vage. Was er wirklich will, darüber kann man nur spekulieren: Tendiert er zu einem Trainer von Rang? Oder befürwortet er Heines Weiterbeschäftigung, mit dem sich die Konsolidierung glaubhaft fortführen ließe? Herthas Manager sagte nichts essenziell Neues zum Thema, eine schnelle Festlegung schloss er weiterhin aus. „Wir werden in Ruhe alles auf uns wirken lassen“, sagte Hoeneß.

Dass Heine wirkt, scheint längst bewiesen. „Ich kann ihm nur ein Lob aussprechen, wie er uns auf das Spiel taktisch eingestellt hat“, sagte Herthas Kapitän Arne Friedrich. Nach der Niederlage gegen Dortmund hatte Heine mangelnde Kompaktheit und eine viel zu einfältige Spieleröffnung bei seiner Mannschaft ausgemacht, gegen diese Schwächen arbeitete er im Training ganz gezielt an. „Man sieht auf dem Platz, was wir üben“, sagte Pal Dardai. Ein größeres Lob kann es für einen Trainer kaum geben.

In Aachen spielte Hertha zum ersten Mal unter Heine mit einer Viererkette in der Abwehr, dafür verzichtete er auf den zweiten Stürmer. In Systemfragen gibt sich Herthas Trainer unideologisch, das unterscheidet ihn nicht von Falko Götz. Aber seinem Vorgänger wurde die Ausrichtung auf den Gegner am Ende vor allem als Feigheit ausgelegt. Gegen Alemannia traten die Berliner genauso auf wie zu den erfolgreichen Zeiten unter Götz: massiert in der Abwehr und effizient beim Kontern. Der Mannschaft kommt es entgegen, wenn sie reagieren kann. In den beiden Auswärtsspielen unter Heine schoss Hertha sieben Tore, im Heimspiel gegen Dortmund hingegen brachte die Mannschaft nur eine einzige Chance aus dem Spiel heraus zustande.

Es ist auffällig, wie viele Spieler nach dem Trainerwechsel ihre ursprüngliche Klasse wiedererlangt haben. Gilbertos Darbietung in Aachen war bis ins Detail überragend. Sein Landsmann Mineiro, von Götz nur mit Widerwillen eingesetzt, erweist sich immer mehr als der vielleicht beste Sechser, den Hertha je gehabt hat. Gegen Dortmund beeindruckte er mit seinem schneidigen Zweikampfverhalten, in Aachen mit seinem Gespür für gefährliche Situationen. Und auch Ashkan Dejagah profitiert von dem Trainerwechsel. Bei Götz war er nicht mehr wohlgelitten, seitdem er seinen Wechsel nach Wolfsburg verkündet hat. Heine interessiert es nicht, dass Dejagah Hertha in der nächsten Saison nicht mehr helfen kann; sein Maßstab ist die aktuelle Spielzeit. Weil Dejagah zuletzt den stärkeren Eindruck machte als Patrick Ebert, spielte Dejagah. Ganz einfach. In Aachen bereitete er die letzten beidenTore der Berliner vor.

Heines Entscheidungen sind transparent, die Spieler schätzen, dass er in jeder Hinsicht verlässlich ist. Weil Marko Pantelic zuletzt wenig von dem gezeigt hatte, was ihn in der Hinrunde zu einem der stärksten Stürmer der Bundesliga gemacht hat, musste er erstmals in dieser Saison auf der Bank sitzen. Vier Minuten nach seiner Einwechslung erzielte Pantelic sein erstes Tor seit Ende Januar. Jerome Boateng, 18 Jahre alt, gehörte in Aachen gar nicht erst zum Kader, weil er nach der Niederlage gegen Dortmund nachts um zwei in einer Diskothek gesehen worden war. Mit solchen Sanktionen kämpft Heine auch erfolgreich gegen das Image an, nur der Gute-Laune-Onkel von den Amateuren zu sein. Ob seine Personalentscheidungen nicht mutig gewesen seien, wurde er gefragt. „Für diese Maßnahmen brauche ich keinen Mut“, antwortete Heine. „Das ist normaler Alltag.“

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