Sport : Heiterer Einstieg, gefährliche Zahlen

Mitgliederversammlung bei Hertha: Der Trainer verlängert und die Bilanzen sind Besorgnis erregend

-

Berlin - Zum Zwecke der guten Laune beschwor Hertha BSC gestern die jüngste Vergangenheit. Manager Dieter Hoeneß ließ unter dem Beifall der 826 stimmberechtigten Mitglieder die Profifußballmannschaft durch einen Nebeneingang in den großen Saal des ICC spazieren. Anschließend wurde auf dem Podium die Preisverleihung für Berlins Sportler des Jahres nachgestellt. Das Original war bereits am Sonnabend im Neuköllner Estrel Covention Center über die Bühne gegangen. Aber da der Berliner Bundesligist dort in zwei der vier Kategorien Preisträger stellte – Marcelinho als besten Sportler, Falko Götz als besten Trainer –, schien es wie geschaffen für eine Mitgliederversammlung, in deren Vorfeld es mit der Stimmung nicht zum Besten gestanden hatte. Ein verunglückter Fernsehauftritt des Aufsichtsrats-Chefs Rupert Scholz, der den Schuldenstand beschönigt hatte, hatte eine tagelange öffentliche Diskussion ausgelöst. Hertha steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Da konnte ein heiterer Einstieg in die Mitgliederversammlung nicht schlecht sein. So bekam Götz ein weiteres Mal seine Trainertrophäe übergeben. Dann verkündete Hoeneß: Hertha verlängert den Vertrag mit Götz um zwei Jahre bis 2008. „Ich bedanke mich dafür, dass ich das Vertrauen bekommen habe“, sagte Götz, „aber wir haben auch noch viel Arbeit vor uns.“

In gewisser Weise sollte der zweite Teil des Trainersatzes den schwierigeren Teil des Abends einläuten: den Zahlen-Teil. Hertha hat derzeit 35,2 Millionen Euro Schulden, 17,7 davon kurzfristige Verbindlichkeiten bei Banken. „Wir haben einen klaren Finanzierungsbedarf“, sagte Ingo Schiller, der für Finanzen zuständige Geschäftsführer der Hertha BSC Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA). Das Jahresergebnis 2004/05 endet mit einem Überschuss von 11,3 Millionen Euro. Das aber nur – wie der Tagesspiegel bereits berichtet hatte und Schiller gestern bestätigte – durch so genannte Sondereffekte. Der wichtigste Sondereffekt ist der, dass die KGaA im Dezember 2004 „stille Reserven“ (Verwertungsrechte) in Höhe von 28 Millionen Euro auf eine Tochtergesellschaft übertragen hat. In der Bilanz 2004/05 der KGaA wird dieser Wert als Forderung in die Gewinnermittlung einbezogen und als Umsatzerlös verbucht. Diese Handhabe ist nicht illegal, birgt aber Gefahren. Denn Geld ist nicht geflossen. Ohne diesen Sondereffekt, wie Schiller sagte, ergibt sich in der Bilanz 2004/05 erneut ein Verlust von 4,2 Millionen Euro.

„Es ist nicht zulässig zu behaupten, dass wir nicht in der Lage sind, den Profibereich profitabel zu betreiben“, sagte Hoeneß in seiner Funktion als Geschäftsführer der Hertha BSC KGaA. „Wir gehören mittlerweile in allen Bereichen zur Bundesligaspitze“, rief Hoeneß den Mitgliedern zu. „Auch bei den Schulden“, brummte ein Mitglied. So aber hatte das Hoeneß nicht gemeint. „Wir haben Probleme bei den kurzfristigen Verbindlichkeiten. Das beschäftigt uns immer wieder“, gab Scholz zu Protokoll. Die von ihm genannten Gründe für die schweren wirtschaftlichen Probleme (Stadionumbau, Kirch-Krise, Nachwuchsarbeit) blieben weitgehend schwammig.

Unbestritten aber ist, dass Herthas finanzielle Situation angespannt ist. Durch Maßnahmen wie „Signing fees“ (Vorauszahlungen) und so genannte Sale-and- lease-Back-Geschäfte hat Hertha wesentliche Vorgriffe auf die Zukunft getätigt. Die Hertha KGaA hat auf diesem Weg rund 36 Millionen Euro eingenommen und damit Millionenverluste in den zurückliegenden Geschäftsjahren finanziert. Dadurch, dass die Hertha KGaA diverse künftig zu erwartende Zahlungen sich ausbezahlen beziehungsweise beleihen ließ, verbessert sich die Einnahmesituation keineswegs, im Gegenteil, es engt den Spielraum ein. „Im kommenden Jahr werden wir operativ eine rote Null schreiben“, sagte Finanzchef Schiller. Er sträubte sich trotz Nachfrage, die exakte Summe zu nennen, die die Hertha KGaA durch Finanzvereinbarungen erzielt hat.

Schließlich stieß der Auftritt von Scholz im RBB-Fernsehen auf Kritik. „Von einem Aufsichtsratschef erwarte ich, dass er mit den Fakten vertraut ist“, sagte ein Mitglied, das dann den Rücktritt von Scholz forderte. Der Wirtschaftsprüfer Otto Schulz, der in der Öffentlichkeit die Finanzpraxis beklagt hatte, sagte gestern: „Ich will Hertha nicht in die Pleite reden, sondern dass der Verein klar sagt, wo er konkret steht. Das war bisher nicht der Fall.“ Dafür bekam Otto Schulz viel Applaus. Immerhin hatte Dieter Hoeneß zuvor mehr Transparenz bei Hertha angekündigt. Allerdings ließ er auch wissen, was er von allzu kritischen Tönen hält: „Wer zündelt, muss sich bewusst sein, dass er einen Großbrand entfachen kann“, sagte der Manager.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben