Sport : Held am Rand

Ronaldo war der Star der vergangenen WM – doch Brasilien verehrt inzwischen seine jungen Rivalen

Sven Goldmann

Vor ein paar Wochen war Luiz Nazario de Lima, genannt Ronaldo, in ungewöhnlicher Mission unterwegs. Gemeinsam mit seinem portugiesischen Kollegen Luis Figo reiste der Brasilianer in die angolanische Hauptstadt Luanda und warb dort um Zustimmung für den Staatspräsidenten Eduardo dos Santos. Für einen Wohltätigkeitsbasar stiftete Ronaldo ein von ihm getragenes Trikot, das bei einer Auktion immerhin 35 000 Dollar einbrachte.

Das war am 16. Juni, und seine Landsleute reagierten einigermaßen überrascht. Sein Faible für Angola hatte Ronaldo bis dahin geheim gehalten, und eigentlich sollte er zur selben Zeit in seinem Trikot ganz andere Sachen anstellen, nämlich Tore schießen für Brasilien, das gerade beim Confed-Cup im fernen Deutschland kickte. Ronaldo aber hatte keine Lust und ließ Trainer Carlos Alberto Parreira wissen, er fühlte sich müde nach einer schweren und langen Saison. Da wunderten sich die Brasilianer schon ein wenig, dass die Kraft noch reichte für eine anstrengende Reise ins südliche Afrika.

In zwei Wochen wird Ronaldo 29 Jahre alt. Schon seit einiger Zeit geht es immer seltener um Fußball, wenn von dem einst besten Fußballspieler der Welt die Rede ist – das gilt auch für die Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft 2006, die am 9. Juni in Deutschland angestoßen wird. Als die Brasilianer sich am vergangenen Sonntag mit einem 5:0-Sieg über Chile endgültig für das Turnier qualifizierten, spielte Ronaldo nicht einmal eine Nebenrolle. Gefeiert wurden seine beiden Rivalen im Angriff: Adriano von Inter Mailand schoss drei Tore, Robinho von Real Madrid immerhin eines. Ronaldo kehrte nach der Halbzeitpause nicht mehr ins Spiel zurück.

Ronaldo ist in den Medien oft nur noch abseits des Rasens präsent. Im günstigsten Fall geht es um seine neue Freundin, wobei auch die gut unterrichteten Boulevard-Reporter nicht immer sicher sein können, ob sie denn gerade auf dem aktuellen Stand sind. Unangenehmer ist da schon die Drogenaffäre in der Heimat, mit der „Il Fenomeno“, das Phänomen, dieser Tage in Verbindung gebracht wird. 40 Minuten lang wurde Ronaldo in der vergangenen Woche in Rio de Janeiro von der Polizei verhört. Es geht um eine Bande, die gehobene Kreise mit Ecstasy und Kokain beliefert, angeblich hat auch Ronaldo entsprechende Partys besucht. Ein Bekannter soll am Telefon gesagt haben: „Jeder raucht gern Marihuana, Ronaldo auch.“ Passend dazu hat Ronaldo für die kommenden Tage einen Auftritt in der Fernsehshow von Diego Maradona zugesagt.

Zu allem privaten Ärger hat er sich nun eine Verletzung am rechten Oberschenkel zugezogen. Ein Dreivierteljahr vor der Weltmeisterschaft in Deutschland erinnert das alles an den Ronaldo von vor vier Jahren, als niemand mehr so recht an eine WM-Teilnahme des dauerverletzten Stürmers glauben wollte. Das Ende der Geschichte ist bekannt. Drei Monate vor dem WM-Start kehrte Ronaldo in die Seleçao zurück, im Finale schoss er beide Tore zum 2:0-Sieg über Deutschland.

Doch die Zeiten haben sich geändert, im Fußball und auch in Brasilien. 2002 schien das Schicksal eines ganzes Landes an Ronaldo zu hängen. Heute ist er nur noch einer von vielen. Längst hat ihn Ronaldinho als Führungsfigur und bester Spieler der Welt abgelöst – ausgerechnet der Mann, dessen Künstlername „der kleine Ronaldo“ bedeutet. Und dann sind da noch Robinho und Adriano, der zarte Zauberer und der wuchtige Torjäger, die das vom großen Ronaldo hinterlassene Vakuum im Angriff mehr als nur ausfüllen. Gemeinsamen schossen sie Brasilien zum Sieg beim Confed-Cup und zur erfolgreichen WM-Qualifikation. Ihren Stellenwert regelt der Markt. Für den 24-jährigen Adriano bietet der FC Chelsea mittlerweile knapp 100 Millionen Dollar. Robinho, gerade 21 Jahre alt, war Ronaldos Klub Real Madrid im Sommer die Ablösesumme von 25 Millionen Euro wert. Nach seinem Debüt in der Liga titelte das Sportblatt „As“: „Und dann schuf Gott Robinho.“

Und Ronaldo? „O Globo“, die größte Tageszeitung Brasiliens, ermittelt derzeit in einer Umfrage, auf welchen seiner fünf Offensivspieler Nationaltrainer Parreira denn am ehesten verzichten sollte: auf Ronaldo, Adriano, Ronaldinho, Robinho oder Kaka. Ronaldo führt die Umfrage mit überwältigender Mehrheit von 45 Prozent aller Stimmen an.

Ronaldo weiß um seinen gesunkenen Stellenwert. In Madrid ließ er ausrichten, er werde „nie mehr“ um eine Freistellung von einem Länderspiel bitten. „Ich möchte immer bei der Seleçao sein“, sagte er. Eine Antwort von Nationaltrainer Parreira ist nicht übermittelt, aber es ist bekannt, dass die beiden nicht die besten Freunde sind. Als Parreira Brasilien 1994 in den USA zum WM-Titel führte, stand auch der gerade 17 Jahre alte Ronaldo im Aufgebot – und durfte keine einzige Minute lang spielen.

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