Sport : Held der Schmerzen

Schwimmer Yannick Lebherz ist ein Mann für Bestzeiten – auch weil sein Trainer ihn sehr hart fordert.

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Zu schnell für die nationale Konkurrenz. Yannick Lebherz unterbot in Berlin über 400 Meter Lagen schon Vorlauf die Olympianorm. Foto: dpa
Zu schnell für die nationale Konkurrenz. Yannick Lebherz unterbot in Berlin über 400 Meter Lagen schon Vorlauf die Olympianorm....Foto: dpa

Berlin - Yannick Lebherz lag platt auf den weißen Fließen, Arme und Beine von sich gestreckt. Daneben hockte sein Trainer, die Füße angewinkelt, ungerührt, als genieße er gerade unterm Apfelbaum das Leben. Yannick Lebherz war platt, weil er über 400 Meter Lagen nur 4:15,53 Minuten lang im Becken unterwegs gewesen war und damit die Olympia-Norm unterboten hatte. Sein Trainer Jörg Hoffmann war eher teilnahmslos, weil man so eine Zeit a) nicht in einem Vorlauf, b) nicht gleich am ersten Tag bei deutschen Schwimm-Meisterschaften und c) vor allem nicht dann raushaut, wenn zwei Tage später noch ein wichtiges Rennen über 200 Meter Rücken ansteht. Die Belastung ist einfach zu groß.

Aber jetzt war’s halt passiert, der Titelverteidiger Lebherz hatte seinen ersten Einsatz in der Berliner Halle an der Landsberger Allee spektakulär begonnen. „Gut“, sagt Hoffmann später, „jetzt muss er mir zeigen, was er noch draufhat.“ Aber eigentlich erst über 200 Meter Rücken. Donnerstagabend Abend schwamm Lebherz auch noch das Finale über 400 Meter Lagen, dabei blieb er mit 4:14,90 Minuten sogar anderthalb Sekunden unter der Richtzeit und pulverisierte noch einmal seine Vorlaufzeit vom Morgen.

Eigentlich läuft das Spielchen schon seit rund drei Jahren. Hoffmann fordert, und Lebherz zeigt, was er drauf hat. Die Regeln seines Trainers haben viel mit Qual und Schmerzen zu tun. Lebherz nimmt sie an, und er wird am Trainingsort Potsdam immer besser, deshalb bilden er und Hoffmann ein sehr gutes Gespann.

Jörg Hoffmann, Welt- und viermaliger Europameister über 1500 Meter, hat früher so hart trainiert wie kaum ein anderer auf der Welt. Er brummt Sätze wie: „Ein Staffelschwimmer ist ein Sporthilfeempfänger, ein Einzelschwimmer ein Held.“ Oder: „In einer Verletzungsphase zeigt sich, was einer drauf hat.“ Als er seinen gebrochenen Arm in Gips hatte, wickelte er eine Plastiktüte um den Gips und ging ins Wasser. „Macht man halt Beinarbeit“, sagte er lakonisch.

Yannick Lebherz hatte im Dezember 2011eine Meniskusoperation. Einen Tag später hockte er bei einem Orthopäden. Der sagte, er habe eine Schiene entwickelt, mit der man ins Wasser könne. „Super“, sagte Lebherz. Anfang Januar war er wieder im Becken.

Hoffmann hatte im Training Serien bewältigt, bei denen Konkurrenten aus Angst vor den Schmerzen gekniffen hatten. Wenn er jetzt über Lebherz sagt: „Er macht bahnbrechende Serien. Die bekommen nicht viele auf der Welt hin“, dann hat das ungefähr die Bedeutung, als würde ein Schwabe einen Norddeutschen für eine perfekte Kehrwoche loben. 18 Mal 200 Meter Rücken, jedes dritte Mal in vollem Tempo, der Rest im Ausdauertempo, Pause: jeweils 30 Sekunden. Das ist so eine Serie.

Lebherz denkt nach solchen Einlagen: „Jetzt bist du so weit, wie du sein wolltest.“ Er sagt auch: „Das macht Spaß.“ Das ist höchstwahrscheinlich eine Lüge, zumindest eine maßlose Übertreibung. Aber der Satz zeigt, wie offensiv der 23-Jährige seine Schmerzen angeht.

Im März besiegte Lebherz in Indianapolis den mehrmaligen Weltmeister Ryan Lochte aus den USA über 200 Meter Rücken. Lebherz war unrasiert, er hatte ein Trainingslager hinter sich, dieser Sieg war ein Schub für sein Selbstbewusstsein. „Es hat gut getan“, sagt er. „Das war wichtig“, sagt auch Hoffmann. Dass Lochte ebenso aus dem Training gekommen war – geschenkt. Es geht um die Psyche.

Bei Hoffmann muss man sich Selbstbewusstsein hart erarbeiten. Manchmal fragt Lebherz ihn nach Serien, vermutlich einem Kreislaufkollaps nahe: „War es gut?“ Meistens brummt Hoffmann dann nur: „Es war okay.“ Mehr Lob führe nur zu Selbstverliebtheit. „Es bringt doch nichts“, sagt er, „wenn ich mit ihm Kindergeburtstag feiere.“ Die Schmerzen muss ein Erwachsener schon ertragen.

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