Sport : Held in Trance

Die Luft blieb weg, der Schmerz kam, doch Gabor Kiraly hielt durch – und ließ Hertha in Fulham jubeln

Sven Goldmann

„Hertha hatte Glück und Kiraly.“

Christian Ziege, deutscher Nationalspieler und Augenzeuge der Partie Fulham – Hertha

London. Wenn Gabor Kiraly in sein Auto steigt, sieht das, nun ja, gewöhnungsbedürftig aus. Der Ungar geht tief in die Hocke und zwängt seinen 1,90 Meter langen Körper in einen …Mini-Cooper!

Das ist einer gesunden Körperhaltung gewiss nicht zuträglich, aber der beim Autofahren empfundene Schmerz war vielleicht eine gute Einstimmung auf das, was der ungarische Torhüter in Diensten von Hertha BSC am Donnerstag durchgemacht hat. Eine Viertelstunde lang hat Kiraly mit schwer lädiertem Becken ausgeharrt, er hat hohe Flanken gefangen und sich gegnerischen Stürmern entgegen geworfen. Als der Schiedsrichter das Spiel an der Londoner Loftus Road abgepfiffen und Hertha mit einem 0:0 das Achtelfinale im Uefa-Cup erreicht hatte, nachdem also 95 Minuten endlich vorbei waren, da ging gar nichts mehr. Nicht bei Kiraly, der in sich zusammensank und für Minuten auf dem Rasen liegen blieb, und auch nicht bei seinen Kollegen, die nach der „Schlacht von London“ (Herthas Trainer Huub Stevens) kaum mehr die Kraft fanden, sich bei ihrem Torhüter für dessen fantastische Leistung zu bedanken. Masseur und Mannschaftsarzt trugen ihn vom Platz.

Gabor Kiraly hat die entscheidende Phase der denkwürdigen Partie von Fulham in Trance gespielt. Die Erinnerung an diese 76. Minute, als er in der Luft mit Fulhams Stürmer Steve Marlet zusammenprallte, reduzierte sich auf einen plötzlichen Mangel an Atemluft. Zwei Stunden später saß er auf dem Flughafen Gatwick im Rollstuhl und erzählte, „dass ich die hohe Flanke wegfausten wollte. Den Marlet habe ich gar nicht gesehen.“ Der Zusammenstoß traf Kiraly völlig unvorbereitet, so dass er ohne angemessene Körperspannung auf den Boden krachte und schutzlos über die Hüfte abrollte. Die Luft blieb weg, und es kam der Schmerz.

Wer in den folgenden Minuten mitansah, wie Kiraly aufzustehen versuchte, wie er im Zeitlupentempo den Oberkörper in eine direkte Linie zu den Beinen strecken wollte, wie der seinen Abwehrchef Dick van Burik herbeirief mit der Bitte, den fälligen Freistoß auszuführen, der konnte nur zu dem Schluss kommen: Der Mann muss raus. Der offensichtlich noch benebelte Kiraly aber signalisierte Mannschaftsarzt Ulrich Schleicher, er wolle weiterspielen. Als kurz darauf der erste Schock nachließ, der Schmerz mit seiner ganzen Intensität ausbrach und der Torhüter doch vom Feld wollte, war es zu spät. Trainer Stevens hatte durch die Einwechslung von Michael Preetz das Wechselkontingent erschöpft. Kiraly musste durchhalten.

Die verbleibenden Minuten gestalteten das Spiel zu einem Drama mit einem Helden, dem im Glücksrausch des Augenblicks wohl gar nicht bewusst war, dass alles auch ganz anders hätte enden können. Kiraly hielt sich mit Mühe auf den Beinen, trat die Abschläge aus der Hand mit seinem schwächeren linken Fuß, wurde von seinen Kollegen mit überflüssigen Rückgaben gequält, und weil er sich an keinen hohen Ball mehr heranwagte, schlugen die Londoner sämtliche Flanken auf die Höhe des Fünfmeterraums. Kiraly harrte mit dem Gleichmut des Machtlosen auf der Torlinie aus.

Es war das Glück der Berliner, dass dieser FC Fulham mit seinem starken französischen Einfluss zwar einen technisch sehr schön anzuschauenden Fußball spielt, aber eben alles andere als eine typisch englische Mannschaft ist. Der einzige Stürmer, der Hertha mit seiner Kopfballstärke in Gefahr hätte bringen können, saß verletzt auf der Tribüne. Es war der Argentinier Facundo Sava, jener Mann, dem beim Hinspiel vor zwei Wochen das am Ende verhängnisvolle Eigentor zum Berliner 2:1-Sieg unterlaufen war. Es passt zu Herthas sportlicher Not, dass ein gegnerischer Stürmer den für das Selbstbewusstsein und die Finanzen so wichtigen Einzug ins Achtelfinale perfekt machte.

So fügt sich das Drama von Fulham in eine Dramaturgie, in der Hertha alle ästhetischen Momente dem ausschließlichen Erfolgsdenken unterordnen muss. Beim letzten Bundesligaspiel am Sonntag in Kaiserslautern wird Christian Fiedler das Berliner Tor hüten. Kiraly bleibt zu Hause – und der Mini-Cooper in den nächsten Wochen in der Garage.

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