Sport : Helden der Arbeit!

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Von Wolfram Eilenberger

S tehen Sie gerade auf Abruf? Oder haben Sie eine feste Position? Wie flexibel sind Sie einsetzbar? Gehören Sie auch zu den Menschen, die da spielen, wo der Trainer Sie hinstellt? Am Thema Arbeit kommt heutzutage keiner mehr vorbei. Besonders nicht, wenn es um Fußball geht. Fußball arbeiten – und zwar sehr hart und diszipliniert – wird die deutsche Mannschaft müssen,will sie die Vorrunde der Weltmeisterschaft tatsächlich überstehen. Eine andere Option besitzt sie leider nicht.

Bei der angeschlagenen Lage der Nation, das lässt sich jetzt schon sagen, wird der deutsche Traum vom Fußballspiel auch zu dieser WM unerfüllt bleiben. Zufrieden sollten wir stattdessen sein, wenn es einmal mehr gelänge, uns mit elf ebenso austrainierten wie uninspirierten Recken die gerechte Missachtung der Welt zu erkämpfen. Deutschlands eigentliche WM-Chancen liegen deshalb auch nicht auf dem mehrere Zeitzonen entfernten Rasen des Ostens, sondern im eigenen Land. Konkreter dort, wo die Lage unzweifelhaft am bedauerlichsten ist: am eigenen Arbeitsplatz.

Sie haben es im Kollegen- und Koleginnenkreis ja sicher bereits ausführlich diskutiert, jenes missliche Dilemma, das sich selbst bei flexibelsten Gleitzeitregelungen nicht umgehen lässt. Fein ausgedacht hatten sich die Asiaten das mit ihrer Terminpolitik. Bereits in der Vorrunde lächelnd ausscheiden und gleichzeitig unsere schöne europäische Wirtschaft für einen langen Monat lahm legen. Nein, so kann, darf und muss es nicht kommen! Geguckt werden wird. Das ist nicht die Frage. Und sicher kursieren sie schon, dunkel geschätzte Zahlen, was dieser kontinentale Arbeitsausfall kosten und also Schreckliches für die Zukunft der Gemeinschaft bedeuten wird.

Wie in jeder tiefgreifenden Störung aber liegen auch in der fußballbedingten Zerrüttung unseres Arbeitsalltags – von 8 bis 17 Uhr wird täglich live gespielt – riesige Chancen. Ein kaum abzuschätzendes Kreativitäts- und Innovationspotenzial schlummert nämlich im absehbaren WM-Schlendrian. Schließlich werden sie nach den wenig erbaulichen „Pflicht- und Arbeitssiegen“ der Vorrunde wieder zu vernehmen sein. Bedrohliche Analysen wie: „Fußballzwerge gibt es schon lange nicht mehr, technisch haben alle dazugelernt“ oder „Rennen und kämpfen können die schließlich auch, außerdem sind sie noch hungrig: die wollen sich noch so richtig quälen“. Voilà! Es wird ganz sicher nicht die, wenn auch unbedingte, Bereitschaft sein, sich vorschriftsmäßige 90 Minuten bzw. 9 Stunden am Arbeitsplatz straffst organisiert abzuarbeiten, die uns eine gedeihliche Zukunft verspricht. Und schließlich werden wir – allen voran Günter Netzer – wieder zu Recht beklagen, es fehle unserem darbenden Team an „Gestaltungswille, Eigeninitiative, Persönlichkeit und Kreativität!“ An eigentlich zukunftssichernden Konzepten also, die sich so sehr schwer mit jenem verordneten Stechuhrsystem vereinbaren lassen, das insbesondere in diesem Juni für fristlose Kündigungen sorgen muss. Der lebenswerte, spielerische Rhythmus wirklich produktiven Handelns lässt sich eben – selbst wenn Zeit Geld wäre – nicht der sturen Hörigkeit des Sekundenzeigers anpassen. Außerdem gleichen die Verhaltensweisen von Wesen, die rein nach Zeit bezahlt werden, nur allzu leicht denen von Profis, die auf Zeit spielen. Sie kennen das: ein kontrolliert initiativloses Rumgeschiebe, bei dem wiederholt Wehwehchen simuliert werden, und sich alle Beteiligten nichts mehr wünschen, als dass es doch endlich vorbei sein möge.

Noch der beschränkteste Abteilungsleiter wird in den kommenden Wochen deshalb grübeln müssen, ob strikt gerasterte Zeitmuster wirklich die beste Form sind, die von allen erwünschte Leistungen abzurufen. Ob wirklich nur den allzu seltenen „Kreativspielern“ vollends selbstbestimmte Zeiteinteilung und längere Pausen zugestanden bleiben. Wie gesagt, geglotzt wird sowieso. Was also spricht gegen das Wagnis des folgenden Versuchs: „Arbeiter, hört zu! Wie ihr alle wisst, ist die Lage sehr angespannt. Weitere Ausfälle können wir uns auf keinen Fall leisten. Trotzdem darf jeder gucken, so viel er will. Wie ihr das organisiert, überlegt ihr euch am besten selbst.“

Auf welch wegweisend flexible Zeitkonzepte bei so viel Zutrauen zu hoffen wäre! Landwesweit würde in den Betrieben, froh am selbstbestimmten Werk, keine Mühe mehr gescheut, keine Idee mehr unterdrückt, kein Kompromiss mehr ausgeschlagenen. Wie viel produktive Selbstbestimmung, wie viel verstecktes Organisationspotenzial sich derart realisierte! Das wäre er ohne jeden Zweifel, jener spielerische Innovationsruck, den wir so dringend zum erneuten Vorstoß in die Weltspitze benötigen. Deutschland, Weltmeister! Und alles, alles natürlich nur, um unseren Fußballhelden ungestört bei derArbeit zuschauen zu können.

Nächsten Sonntag: Der Sonntagsschuss von Christoph Biermann

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