Sport : Helden gibt es nur noch im Kino

Die einst stolze Rennfahrernation Brasilien sucht verzweifelt nach dem Nachfolger Ayrton Sennas

Karin Sturm[Sao Paulo]
Ja, wo fahren sie denn? Bruno Senna sah in dieser Saison deutlich besser aus, wenn er nicht in seinem widerspenstigen HRT saß. Foto: dpa
Ja, wo fahren sie denn? Bruno Senna sah in dieser Saison deutlich besser aus, wenn er nicht in seinem widerspenstigen HRT saß....Foto: dpa

Wer am Wochenende in Sao Paulo einen Brasilianer um den Formel-1-Titel fahren sehen wollte, der musste ins Kino gehen. Im Filmtheater eines großen Shopping-Centers lief die Premiere des Dokumentarfilms über Ayrton Senna. Etwa 300 geladene Gäste, darunter auch der Bürgermeister von Sao Paulo und Sennas frühere Freundin, Brasiliens größter Showstar Xuxa. Der Film beleuchtet den Weg Sennas an die Spitze der Formel 1 und seine Bedeutung für sein Land, das ihn auch 16 Jahre nach seinem Unfalltod noch als Helden verehrt. Derzeit gibt es auf der Rennstrecke auch niemandem, der ihm diesen Glanz streitig machen könnte.

Das Land, das so große Piloten wie Emerson Fittipaldi, Nelson Piquet und natürlich Senna hervorgebracht hat, steckt motorsporttechnisch in einer tiefen Krise. Ein neuer Star ist weit und breit nicht in Sicht und die aktuellen Grand-Prix-Piloten sind weit entfernt davon, um die Weltmeisterschaft mitfahren zu können.

Am aussichtsreichsten liegt in dieser Hinsicht noch Felipe Massa im Rennen. Er fährt für das Spitzenteam Ferrari und müsste somit prinzipiell der größte brasilianische Hoffnungsträger sein. Allerdings hat der 29-Jährige in diesem Jahr extrem an Ansehen in seiner Heimat verloren und wurde sogar als Vaterlandsverräter beschimpft. Die Brasilianer können ihm nicht verzeihen, dass er sich in Hockenheim der Stallorder seines Teams beugte und seinem Teamkollegen Fernando Alonso den Sieg überließ.

Wie sehr diese Schmach immer noch am brasilianischen Selbstverständnis nagt, zeigen die Einlassungen des Staatsanwalts Paulo Castilho. Er drohte Massa mit sechs Jahren Haft, sollte er Alonso beim Großen Preis von Brasilien am Sonntag (nach Redaktionsschluss beendet) wieder vorbeilassen. „Wenn es dazu kommt, wird er Interlagos in Handschellen verlassen.“ Der Staatsanwalt beruft sich auf ein brasilianisches Gesetz, dass die Verfälschung von Sportergebnissen als Verbrechen einstuft. So oder so ist Massa als zweiter Rubens Barrichello abgestempelt, als ewige Nummer zwei. Und realistisch gesehen wird er das bei Ferrari wohl auch bleiben, auch wenn er immer wieder betont: „Nächstes Jahr kann alles anders sein.“

Das sind die gleichen gebetsmühlenartigen Erklärungen, die auch Rubens Barrichello in seinen Jahren neben und vor allem hinter Michael Schumacher immer wieder von sich gab. Jetzt neigt sich die Karriere des dienstältesten Formel-1-Piloten aller Zeiten allmählich dem Ende zu. Einen WM-Titel wird er nicht mehr gewinnen, 2011 will er mit Williams aber noch einmal ein Jahr dabei sein. Bestätigt ist seine Vertragsverlängerung allerdings noch nicht.

Bleibt die Hoffnung auf den, der den größten Namen trägt, damit aber auch die größte Last: Bruno Senna. Der Neffe von Ayrton konnte in seiner Debütsaison in der Formel 1 allerdings nicht wirklich glänzen. Sein HRT ist zu langsam und defektanfällig, und auch er selbst machte hinter dem Steuer nicht immer eine glückliche Figur. Trotzdem ist Senna überzeugt, er habe „sehr, sehr viel gelernt“ und sich „extrem weiter entwickelt, fahrerisch und auch persönlich“. Und es habe auch einige Qualifikationen und Rennen gegeben, „wo ich schon einiges beweisen konnte“. Er hoffe natürlich, „in Zukunft ein besseres Auto zu haben, mit dem ich dann auch wirklich etwas zeigen kann“.

Sehr wahrscheinlich wird der 27-Jährige, der auf Grund des Vetos seiner Familie erst vor sechs Jahren überhaupt mit dem Rennsport beginnen durfte, 2011 neben Heikki Kovalainen bei Lotus landen. Auch wenn offiziell noch nichts bestätigt ist – die Verhandlungen scheinen ziemlich weit fortgeschritten.

Aber erst einmal will Bruno Senna die Saison noch so gut wie möglich beenden. Dazu holte er sich Inspiration von der Leinwand. „Ich habe am Mittwoch den Film über Ayrton zum ersten Mal gesehen“, sagte er. „Er hat mich sehr berührt und mir ganz sicher noch einmal zusätzliche Motivation gegeben.“

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