Sport : Helden wie wir

Boxen verkauft sich so gut wie lange nicht mehr, nur gibt es ein Problem: Deutschland gehen die Boxer aus

Michael Rosentritt

Berlin. Im Oktober 2002 nahm die Hamburger Universum Box-Promotion den jungen Adnan Catic unter Vertrag. Ein hoffnungsvolles Talent. Wenige Monate vorher war Catic bei den Amateuren Europameister im Halbmittelgewicht geworden. Mittlerweile gibt es beide nicht mehr – weder seine Gewichtsklasse noch Adnan Catic. Dem Halbmittelgewicht widerfuhr, dass es vom Amateur-Boxweltverband kurzerhand aus dem Programm gestrichen wurde. Adnan Catic aber fand einfach seinen Namen nicht mehr gut. Begründung: „Ich bin Deutscher, bin in Deutschland geboren und möchte als Deutscher wahrgenommen werden. Dies wäre mit meinem bisherigen Familiennamen schlecht möglich.“ Deshalb heißt Adnan Catic jetzt Felix Sturm. Vielleicht aber hat die Namensumbenennung auch einen vorausschauenden Grund: Dem deutschen Boxsport könnte es bald an deutschen Boxern mangeln, die im Fernsehen gut verkauft werden können. Und Boxen lässt sich zurzeit so gut wie lange nicht vermarkten.

Aber reicht ein griffiger Name, um bei den Profis reich zu werden? Sven Ottke zuckt mit den Schultern und sagt: „Wenn wir, die Alten, abtreten, kommt lange nichts. Ich hoffe, dass Markus Beyer seinen WM-Titel zurückholt. Er könnte mich dann beerben.“ IBF-Weltmeister Sven Ottke hatte vor gut zwei Wochen den Titelvereinigungskampf gegen den Weltmeister des Konkurrenzverbandes WBA, Byron Mitchell, gewonnen. Kommenden Sonnabend kämpft in Leipzig Markus Beyer, Ottkes Berufskollege im Stall von Manager Wilfried Sauerland, um den WBC-Titel gegen den Kanadier Eric Lucas. Sollte Beyer diesen Titel, den er im Oktober 1999 im englischen Telford mit einem dramatischen Punktsieg über Richie Woodhall erkämpft und ein halbes Jahr später in Frankfurt gegen Glenn Catley verloren hatte, nicht erfäusteln, wird der 35-jährige Ottke sich darum bewerben. „Aber egal, was passiert“, sagt Ottke, „Ende des Jahres beende ich meine Karriere.“ Auch die Laufbahn von Dariusz Michalczewski neigt sich dem Ende entgegen. Am Sonnabend gewann der Deutsch-Pole seinen 48 Kampf. Und was kommt nach den beiden?

Vor allem die Boxverkäufer fragen sich das. Denn die Zahlen stimmen wieder. Ottkes Kampf gegen Mitchell sahen sich im Durchschnitt über neun Millionen Menschen in der ARD an. Etwas mehr als zehn Millionen waren es eine Woche davor, als Wladimir Klitschko im ZDF boxte. Und das, obwohl zeitgleich die Entscheidung bei „Deutschland sucht den Superstar“ auf RTL lief. So viele Zuschauer waren es schon lange nicht mehr. Nach dem Ende der Karrieren von Henry Maske und Axel Schulz, die die Menschen Mitte der Neunzigerjahre vor die Fernseher lockten, war das Interesse schnell wieder weg. Nun erlebt das Preisboxen in Deutschland eine Renaissance. Was nicht allein an der Qualität der Boxer liegt.

Das Zusammentreffen von Rezession und Boxfieber ist augenfällig. Kriselt die Wirtschaft, verkauft sich die Mischung aus Glamour, Brutalität und Heldenepos besser. Jean-Marcel Nartz, früher Sauerlands rechte Hand und heute im Dienste der Universum Box-Promotion, sagt: „Wo Kopftreffer mit dem Druck von einer halben Tonne ausgetauscht werden, wächst der Kitzel weit über Reality-TV hinaus.“

Das Talent hockt im Gefängnis

Die Boxställe haben das früh erkannt und haben sich mit dem Fernsehen arrangiert. Bei der Universum Box-Promotion in Hamburg stehen heute knapp 40 Boxerinnen und Boxer unter Vertrag, bei Sauerland sind es derzeit zwölf. Anfang der Neunzigerjahre suchte RTL händeringend nach einer quotenträchtigen Sportart. Die Rechte an der Fußball-Bundesliga hatten die Kölner verloren. Maskes Aufstieg kam da wie gerufen. Die Allianz der beiden wurde zur Erfolgsstory. Bis RTL vor einem Jahr ausstieg. Seitdem wetteifern ARD und ZDF mindestens einmal im Monat um Quoten. Und am besten verkauft sich natürlich ein nationaler Identitätsstifter.

Das größte Talent der Branche hockt allerdings schon wieder im Knast: Jürgen Brähmer. Dabei sind sich die Experten einig: Es gibt keinen, der so elegant boxen und zugleich so hart schlagen kann wie er. Nur langt Jürgen Brähmer auch außerhalb des Ringes gern mal kräftig zu. Dann ist da noch Thomas Ulrich, der am 10. Mai vielleicht gegen den 39-jährigen Graciano Rocchigiani boxen soll. Auch ein Mann aus dem Gefängnis, aber eben einer, mit dem das Fernsehen schon immer gute Quote gemacht hat.

Thomas Ulrich gehört zu jener Gruppe von Eliteamateuren, die nach Olympia 1996 ins Profilager wechselten. Ottke gehörte dazu, Beyer auch. Und ihr gemeinsamer Trainer Ulli Wegner. Maske und Schulz hatten die Seiten gleich nach der Wende gewechselt. Im Westen Deutschlands lag zu dieser Zeit sowohl das Amateur- als auch Berufsboxen am Boden. Kurt Maurath, damaliger Präsident des Deutschen Amateurbox-Verbandes, sagte im Dezember 1990: „Noch vor wenigen Jahren hätte ich gesagt, wir warten nur noch auf den Tod. Dann fiel uns das Glück in den Schoß mit diesem phantastischen Kämpfermaterial aus der früheren DDR.“ Die Geschichte einer fruchtbaren Symbiose begann. „Die hochtrainierten Staatsamateure (Ost) bedienten den Idealtypus der Werbeindustrie (West): hungrig, deutsch und Spitze“, schrieb damals „Der Spiegel“. Und weil das mit Maske so gut lief, wurde überall Ausschau gehalten nach den neuen Maskes. Sie sind bis heute schwer zu finden.

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