Sport : Helikopter unter der Dusche

Den Formel-1-Piloten drohen beim Rennen in Monaco Regen und viele Crashs

Christian Hönicke[Monte Carlo]

Wenn es in der Dauerrevolution Formel 1 noch so etwas wie ein Reservat der Folklore gibt, dann ist es der Große Preis von Monaco. Zum Klassiker gehören beispielsweise unbedingt Millionäre (und solche, die es gern wären), die sich ledergebräunt auf Yachten tummeln, die wiederum für unverschämte Gebühren im Hafen ankern. Außerdem billige Beats zum Acht-Euro-Bier im Rascasse-Lokal in der gleichnamigen Kurve und aus Cannes eingeflogene Filmstars wie diesmal Sylvester Stallone. In sportlicher Hinsicht ist es ein festes Ritual geworden, Nelson Piquets Worte zu rezitieren, der das Umherrasen auf dem serpentinenbeladenen Stadtkurs an der Côte d’Azur einst mit einem Helikopterflug im Wohnzimmer verglichen hat. Anno 2008 trifft die Einschätzung des dreimaligen Weltmeisters allerdings nicht ganz zu. Die Piloten erwartet vielmehr ein Hubschrauberflug in der Duschkabine.

Bildet man aus den Vorhersagen verschiedener Wetterinstitute einen repräsentativen Mittelwert, ergibt sich für das Rennen im Fürstentum am Sonntag (14 Uhr, live bei RTL und Premiere) eine 100-prozentige Chance auf Regen. Das Fahrerlager schwankt in Erwartung des ersten sonnenlosen Monaco-Grand-Prix seit elf Jahren zwischen verhaltener Vorfreude und nervösem Nägelkauen. Während etwa BMW-Pilot Nick Heidfeld hofft, sich durch „Regen und ein bisschen Glück“ von seinem „katastrophalen“ 13. Startplatz nach vorn spülen lassen zu können (siehe Kasten), macht sich Nico Rosberg „echt Gedanken“ und hofft auf trockenes Wetter, denn: „Ohne Traktionskontrolle wird das hier extrem schwierig.“ In der Tat wäre es die Saisonpremiere im Nassen ohne das seit Jahresbeginn verbotene Hilfsmittel, das das Umherschlittern der Autos aufgrund durchdrehender Reifen so wunderbar zu verhindern wusste. Erschwerend kommt hinzu, dass Williams-Pilot Rosberg wie die meisten anderen Fahrer in diesem Jahr „erst zwei bis drei Tage“ Testfahrpraxis im Nassen hat sammeln können.

Die größte Herausforderung aber hält der Kurs bereit, der 360 Tage im Jahr als ganz normale Straße für Busse und knallgelbe Angeber-Cabrios dient – und das lässt sich bei allen Umbaumaßnahmen nicht wegretuschieren. „Aufgrund der ganzen Kanaldeckel und weißen Linien wird das hier im Regen noch viel rutschiger“, sagt BMW-Testfahrer Christian Klien. Und wenn der Wagen erst einmal ins Schleudern gekommen ist, bleibt dem Insassen meist wenig mehr, als auf einen sanften Einschlag zu hoffen. „Wenn du auf einem anderen Kurs mal auf nasser Piste rutschst, dann kannst du über die Auslaufzone zurück auf die Strecke kommen”, sagt Lewis Hamilton. „Hier geht es direkt in die Mauer.“

Hamiltons Teamkollege Heikki Kovalainen veranschaulichte dieses Problem im freien Training am Samstag recht gut: Dem Finnen entglitt sein McLaren-Mercedes beim Herausbeschleunigen im Hafenkomplex bei minimalem Nieselregen für Sekundenbruchteile und wenige Zentimeter – kurz darauf fand er sich nach einem Kontakt mit der Leitplanke mit zerstörter Heckpartie entgegengesetzt der Fahrtrichtung wieder. Dem Chef der beiden McLaren-Fahrer schwant daher bereits Böses. „Ich wünsche mir keine Unfälle, aber wir müssen viele Safetycar-Phasen aufgrund von Crashs einkalkulieren”, sagt Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug. Nach dem Verbot der elektronischen Fahrhilfen nimmt er an, dass es gerade im Regen „häufiger zu Leitplanken-Kontakt kommen wird“.

Die Befürchtungen entbehren nicht einer gewissen Grundlage, wenn man sich den Ablauf der beiden letzten verregneten Rennen im Stadtstaat ins Gedächtnis ruft: 1997 siegte Michael Schumacher, während gleich elf Kollegen in die Umzäunung knallten, ein Jahr zuvor kamen neben dem Sieger Olivier Panis nur drei weitere Piloten unbeschadet ins Ziel. Der zweimalige Weltmeister Fernando Alonso hat sich daher schon seine eigene Taktik für den Sonntag zurecht gelegt. „Wenn es regnet, musst du das Auto nur auf der Strecke halten“, sagt der Renault-Pilot. „Dann wirst du automatisch ein gutes Ergebnis haben, weil nicht viele ankommen werden.“

Aber vielleicht wird ja auch alles gar nicht so schlimm. Die Wettervorhersage machte am Samstag ein wenig Hoffnung: Die Regenwahrscheinlichkeit beträgt nun nur noch 90 Prozent.

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