Sport : Hello Goodbye

Jens Jeremies ist Kapitän der Nationalmannschaft – aber nur heute gegen Bulgarien

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Von Stefan Hermanns

Berlin. Carsten Ramelow hat gestern ein perfides Spiel mit den Journalisten getrieben. Taucht einfach in der Lobby des Hotels Esplanade am Lützowufer auf, telefoniert dort fast schon ein bisschen zu demonstrativ – und regt so ganz nebenbei, kurz vor Beginn der Pressekonferenz der Fußball-Nationalmannschaft, die Fantasie der wartenden Medienmenschen an. Ist Ramelow Mister X? Der Mann, der als neuer Kapitän der Nationalelf präsentiert wird? Oder wird es Jens Jeremies, der nun ebenfalls in der Lobby erscheint? Vielleicht auch Michael Ballack, der allerdings nirgends zu sehen ist?

Wie gut, dass Oliver Kahn heute beim Testspiel der Nationalmannschaft gegen Bulgarien nicht dabei ist. So gibt es wenigstens ein Thema, über das ein bisschen spekuliert werden durfte. Selbst Rudi Völler, der Teamchef, sagt ja vor der Partie in Sofia, „dass meine Gedanken schon ein bisschen in Litauen sind“, beim ersten EM-Qualifikationsspiel Anfang September. Morgens um kurz nach halb elf überbringt Völler der Öffentlichkeit dann die wichtige Nachricht: Jens Jeremies vom FC Bayern wird die Kapitänsbinde tragen. Vorübergehend. „Sonst ist Oliver Kahn natürlich logischerweise der Kapitän“, sagt Völler.

Ewiger Stellvertreter oder einmalige Übergangslösung? Es gebe keine offizielle Bezeichnung für Jeremies’ neue Rolle, sagt Völler. Der Teamchef hat sich einfach für „die klassische traditionelle Schiene“ entschieden. Das ungeschriebene DFB-Statut sieht nämlich vor, dass der Spieler die Kapitänsbinde trägt, der die meisten Länderspiele bestritten hat. Als sich Berti Vogts einst über diese Regelung hinwegsetzte und Jürgen Klinsmann statt Jürgen Kohler zum Kapitän ernannte, hat Kohler dies dem Bundestrainer eine Zeitlang ernsthaft nachgetragen.

Jens Jeremies, mit 40 Länderspielen der Erfahrenste aus dem Kader für das Spiel in Bulgarien, sagt dann auch das, was an seiner Stelle wohl jeder andere sagen würde: „Es ist eine große Ehre für mich.“ Andererseits sei er seit Jahren schon Führungsspieler bei den Bayern und in der Nationalelf, und deshalb sei „das Stückchen Binde nicht so wichtig“. Am Abend zuvor, beim Essen, hat Völler ihm mitgeteilt, dass er der Auserwählte ist. „Ich habe schon damit gerechnet“, sagt Jeremies. Seine Reaktion fiel offenbar entsprechend nüchtern aus: „Er hat sich gefreut“, berichtete Völler, „glaub’ ich.“

Jedenfalls ist es nicht so, dass Jeremies als Kapitän in eine Rolle gedrängt wird, die seinem Naturell widerspricht. „Er ist vom Typ her ein Anführer“, sagt Völler. Jeremies hat als Erster öffentlich ausgesprochen, dass er bei der WM in Japan und Südkorea ins Finale wolle. Im April war das, und damals haben alle diesen Jeremies für einen rechten Spaßbold gehalten. Doch Jeremies hat das mit dem Finale ernst gemeint. Auch deshalb ist er für Völler während der Weltmeisterschaft „eine ganz wichtige Figur in der Mannschaft“ gewesen. Die Ernennung zum Kapitän sei daher auch „ein kleines Dankeschön“.

Der Münchner war in Asien so etwas wie der erste Einwechselspieler der Nationalmannschaft, die Nummer 11b gewissermaßen. Bei allen sieben Begegnungen stand er auf dem Feld, nur zweimal allerdings – im Achtelfinale gegen Paraguay und im Endspiel gegen Brasilien – durfte er von Anfang an spielen. „Ich denke, ich habe meine Aufgabe erfüllt in Japan und Südkorea“, sagt Jeremies. Nie ist von ihm ein Mosern oder Murren zu vernehmen gewesen, er habe in Asien „wirklich eine schöne Zeit gehabt“, sagt er. Auch der Vertretungsjob als Kapitän „wird sicherlich Spaß machen“. Allerdings solle man dieses Thema nun wirklich nicht zu hoch hängen. Die Journalisten wollen trotzdem alles genau wissen: zum Beispiel, wie es sein werde, als Erster aufs Spielfeld zu laufen. „Was soll da schon sein?“, fragt Jeremies. „Man geht da rein und sagt hallo.“

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