• Helmut Digel im Interview: Fall Semenya: „Es ist schon zu viel Unheil geschehen“

Helmut Digel im Interview : Fall Semenya: „Es ist schon zu viel Unheil geschehen“

Noch immer hat der Internationale Leichtathletik-Verband IAAF keine Entscheidung getroffen, ob die Südafrikanerin Caster Semenya trotz männlicher Merkmale starten darf. IAAF-Councilmitglied Helmut Digel spricht im Interview über Kommunikationsprobleme, Regeln und die Rolle des IOC.

von

Herr Digel, seit der WM in Berlin im August beschäftigt sich die Leichtathletik damit, ob die Südafrikanerin Caster Semenya trotz ihrer männlichen Merkmale weiter starten darf. Warum hat der Weltverband IAAF dazu immer noch keine Entscheidung getroffen?

Diese Frage kann nur der Präsident der IAAF selbst beantworten. Er kennt die ärztlichen Gutachten und er kann die politischen Schwierigkeiten beurteilen, die dieser Fall hervorgerufen hat. Eine entscheidende Rolle hat dabei auch der südafrikanische Verband gespielt. Da dessen Präsidium und Präsident suspendiert sind, kam es zwangsläufig zu Kommunikationsproblemen.

Wann rechnen Sie mit einer Entscheidung?
Uns wurde im Council der IAAF gesagt, dass es bis zur nächsten Councilsitzung in Kiew im August eine Entscheidung geben wird.

Dann wäre ein Jahr vergangen. Halten Sie das nicht für skandalös?
Als Councilmitglied darf ich mich eigentlich dazu nicht äußern. Ich hoffe jedenfalls, dass der Fall in einer für die Öffentlichkeit nachvollziehbaren Weise beendet wird und damit endlich klare Verhältnisse geschaffen werden.

Wenn die Tests ergeben haben sollten, dass die Athletin männliche Merkmale besitzt und dadurch einen Leistungsvorteil gegenüber anderen Frauen hat, was könnte dies bedeuten?
Das Regelwerk der IAAF unterscheidet Wettkämpfe für weibliche und männliche Athleten. Die Frage, ob jemand Mann oder Frau ist, wird bei der Geburt beantwortet und diese Entscheidung ist unter rechtsstaatlichen Gesichtspunkten verbindlich. Wenn ein Staat bei Geburt einem Menschen ein bestimmtes Geschlecht zuweist, haben dies die Sportverbände bislang bei ihren Entscheidungen zur Wettkampfteilnahme akzeptiert.

Schon in Berlin hatte sich die IAAF unwürdig gegenüber Semenya verhalten und ihr beispielsweise verboten, vom Innenraum des Stadions an den Fernsehkameras vorbeizugehen, um Interviews zu geben.
Ich möchte mich nicht mehr im Detail über diesen Fall äußern. Hier wurde von den Verantwortlichen der Leichtathletik, aber auch von den Medien auf dem Rücken eines Menschen schon viel zu viel Unheil angerichtet. Mir ist es wichtiger, dass wir erkennen, dass es sich hier um ein allgemeines sportpolitisches Problem handelt. Das Problem der Transsexualität und der Intersexualität stellt sich für die Verbände unabhängig vom Fall Semenya. Insbesondere für die Problematik der Intersexualität muss endlich eine Lösung gefunden werden.

Was könnte die sein?

Es gibt Funktionäre, die glauben, dass sich das Problem der Intersexualität durch Operationen zugunsten des männlichen Geschlechts lösen lässt. Mir scheint dies eher unwahrscheinlich zu sein, zumal es von vielen Intersexuellen überhaupt nicht gewünscht wird. Ich vermute vielmehr, dass die meisten Sportverbände die Tragweite des Problems noch gar nicht richtig verstanden haben.

Was wären die wirklichen Optionen?
Zunächst einmal müsste geklärt werden, welche Größenordnung das Problem der Intersexualität im Hochleistungssport erreicht hat. Notwendig erscheint mir auch der Dialog mit den weiblichen Athleten. Sie wären schließlich durch die Teilnahme von Intersexuellen benachteiligt.

Von Biologen war zu hören, dass die Bestimmung des Geschlechts nicht so einfach ist.
Es ist richtig, dass es Experten gibt, die davon ausgehen, dass es mehr als nur zwei Geschlechter gibt. Dennoch gibt es in der Forschung weitgehend Konsens bei der Bestimmung der Geschlechter. Die Sportorganisationen müssen nun endlich einmal mit diesen Experten diskutieren und die Betroffenen einbeziehen.

Das Internationale Olympische Komitee hat doch im Januar eine große Konferenz dazu veranstaltet.
Ich kann die Ergebnisse dieser Konferenz nicht beurteilen. Für die notwendigen sportpolitischen Entscheidungen scheinen sie allerdings nicht sehr hilfreich zu sein.

Das IOC wartet wohl einfach die Entscheidung der IAAF ab.
Auch das scheint mir typisch zu sein. Es wird nun so getan, als ob die Geschlechtsproblematik nur in der Leichtathletik existieren würde. Aber entsprechende Fälle hat es schon in sehr vielen olympischen Sportarten gegeben. Wo immer hormonale Strukturen für die Erbringung sportlicher Leistung besonders bedeutsam sind und wo in den Sportarten die Wettkampfklassen nach Geschlechtern getrennt werden, kann das Problem auftauchen. Und wer anders sollte dann dieses Problem lösen außer dem IOC?

Ist das Problem vielleicht zu komplex für den Wettkampfsport mit seinen Regeln?
Das glaube ich nicht. Es liegt genügend wissenschaftliches Material auf dem Tisch. Die Sportverbände müssen sich nur damit beschäftigen, ob die bestehenden Regeln tragfähig sind oder ob sie verändert werden müssen.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben