Sport : Helsinki ist seine Geschichte

Bei der ersten Leichtathletik-WM 1983 siegte Willi Wülbeck über 800 Meter

Friedhard Teuffel

Willi Wülbeck trägt einen unsichtbaren Schatz bei sich. Von Jahr zu Jahr wird er ein bisschen mehr wert, und manchmal holt er ihn heraus und zeigt ihn stolz vor. Wülbeck hält den deutschen Rekord über 800 Meter, 1:43,65 Minuten hat er für die Strecke benötigt. Seit 22 Jahren ist kein Deutscher schneller gewesen. „Den deutschen Rekord kultiviere ich ein bisschen“, sagt Wülbeck. Dazu hat er derzeit wieder Gelegenheit. Seinen Rekord hat er aufgestellt, als er 1983 in Helsinki Weltmeister wurde. Es war die erste Weltmeisterschaft der Leichtathletik überhaupt. An diesem Wochenende nun kehrt die Weltmeisterschaft zurück nach Helsinki.

Sein Rekord ist sehr beständig, damit passt er auch gut zu Wülbeck. Mit Leichtathletik hat Wülbeck immer noch zu tun, er trainiert junge Athleten, er organisiert freiberuflich Veranstaltungen, zum Beispiel das Mehrkampfmeeting in Ratingen. In Oberhausen ist Wülbeck geboren, dort lebt er noch heute. Immerhin hat sich Oberhausen in den vergangenen Jahren ein bisschen verändert. Seit einem knappen Jahrzehnt gibt es das Centro, Europas größtes Einkaufszentrum. Dort sitzt Wülbeck in einem Café an der Promenade und erzählt von seinem größten Erfolg.

Helsinki ist seine Geschichte und zugleich eine wichtige in der deutschen Leichtathletik, auch weil mit Wülbeck ein besonders populärer Athlet gewann. Wülbeck galt als Identifikationsfigur, „vielleicht, weil ich ein Kämpfertyp bin und wegen meiner ehrlichen, bescheidenen Art“. Am Start riefen die Zuschauer oft seinen Vornamen, und einmal beim Istaf in Berlin habe sogar der Start abgebrochen werden müssen, so laut hätten die Zuschauer „Willi“ gerufen.

Heute sagt der 50 Jahre alte Rheinländer: „Es war wohl meine letzte Chance in Helsinki.“ 1976 bei den Olympischen Spielen in Montreal war er schon Vierter, er stand vor dem Durchbruch. Der sollte ihm bei der Europameisterschaft 1978 in Prag gelingen. Doch Wülbeck plauderte in der Aufwärmhalle vor dem ersten Vorlauf zu lange mit einem Journalisten und verpasste den Start. Daraufhin schleppte er den Makel mit sich herum, schnell laufen zu können, aber sich im entscheidenden Moment selbst ein Bein zu stellen. 1980 durfte er bei den Spielen in Moskau wegen des Boykotts der Bundesrepublik und anderer westlicher Länder nicht starten. Und bei der EM 1982 sah es schon nach einem Leistungsverfall aus, als Wülbeck nur Achter wurde.

Auf den ersten Eindruck wirkt Wülbeck unverletzlich, weil er von seinen Erfolgen wie ein Konzernchef spricht, der mehrere Firmen saniert und viele Arbeitsplätze geschaffen hat. Doch dahinter steckt ein weicher Kern mit Selbstzweifeln. „Enttäuschung kann schnell in die Beine sacken“, sagt er. Anfang der Achtziger gestand sich Wülbeck Existenzängste ein, er konnte nicht schlafen und suchte bei einem Psychologen Hilfe. Er hatte die Befürchtung, nach seinem Studienabschluss in Biologie und Sport keine Stelle als Lehrer zu finden. „Ich hatte das Bedürfnis nach beruflicher Absicherung, vielleicht bin ich so erzogen worden“, sagt er, und es klingt, als wolle er sich dafür entschuldigen.

Kurz vor der Weltmeisterschaft 1983 holte er sich ein Stück Selbstbewusstsein zurück, als er den zehnten deutschen Meistertitel über 800 Meter hintereinander gewann – eine gute Voraussetzung für Helsinki. Den Triumph bei der WM habe er einfach verdient, sagte er sich. „Ich war einfach mal dran.“

Das Rennen beginnt nicht zu schnell, das kommt ihm sehr entgegen. „Ich war nie der beste Sprinter.“ Auf der Gegengerade vor dem Ziel liegt er auf Platz vier, in der Kurve schiebt er sich einen Platz nach vorne. Dann tritt er zum Endspurt an. Besonders gut gefällt ihm der Vergleich mit einem Flugzeug. „Ich habe auf der Zielgeraden wie ein Düsenjäger den Nachbrenner eingeschaltet“, sagt er. So läuft er auf und davon, und kommt sich vor „wie ein Flugzeug, das durch die Wolkendecke stößt und den blauen Himmel sieht“.

Erster Weltmeister, deutscher Rekord, es ist ein bewegender Moment. Dass der Rekord immer noch besteht, zeige ihm vor allem eines: „Meine Leistung war im absoluten Grenzbereich.“ Auf die Überschreitung von Grenzen kommt Wülbeck selbst zu sprechen: „Es ist kein Dopingergebnis.“ Das muss er auch betonen, denn Anfang der Achtziger gehörten Anabolika zur Leichtathletik wie der Startschuss. Es gab keine Dopingkontrollen im Training, und auch deshalb sind einige Rekorde bis heute nicht überboten worden.

Der Rekord sei das Ergebnis der „Großartigkeit des Moments“, wie Wülbeck sagt, außerdem von seinen Fähigkeiten und einer guten Vorbereitung. Ich wüsste nicht, was ich heute besser machen sollte“, sagt er. Zwischen 80 und 120 Kilometern habe er jede Woche trainiert, so wie die Mittelstreckenläufer heutzutage auch. Scharf bedroht hat noch kein deutscher 800-Meter-Läufer seinen Rekord. Inzwischen ist Wülbeck gelassen geworden, wenn er seine Nachfolger laufen sieht. Er hat ihnen einiges voraus. Nils Schumann ist zwar 2000 in Sydney Olympiasieger geworden, so populär wie Wülbeck ist er nicht einmal annähernd.

Nach Helsinki wird Wülbeck jetzt nicht fahren, er wird sich nur im Fernsehen anschauen, ob ihn vielleicht diesmal der beste deutsche Läufer René Herms aus Pirna überholt. „Wenn die 800 Meter fallen, dann steht immer noch der Rekord über 1000 Meter“, sagt Wülbeck. 1980 hat er ihn in Oslo aufgestellt, 2:14,53 Minuten. „Da sehe ich schon eine Ewigkeit.“ Doch 1000 Meter, das hört sich ein bisschen nach Bundesjugendspielen an. Die 800 Meter zählen mehr. „Dieser Rekord gehört zu meiner Selbstdarstellung“, sagt Wülbeck. Er will sich jetzt selbst etwas ausdenken, um den Rekord hübsch zu vermarkten, vielleicht 2008 in Peking. Dann hätte er ihn 25 Jahre.

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