Sport : Her mit Hertha!

Die Stuttgarter Kickers haben ihr Selbstbewusstsein wiedergefunden

Oliver Trust[Stuttgart]

Die ganze Stadt hängt wieder voll mit ihren Plakaten, auf denen das blaue Emblem der Stuttgarter Kickers leuchtet. „Her tha mit“ heißt es in großen Buchstaben daneben. Sie sind wieder da, zumindest in Stuttgart, weil sich der Bundesligaklub VfB Stuttgart, der sonst alles fest im Griff hat, in einer Umbruchphase befindet. Seit dem überraschenden 4:3-Sieg über den Hamburger SV in der ersten Runde des DFB-Pokals kennt man den Regionalligaklub Kickers auch im Rest der Republik. „Fisch-Besteck“ hieß es damals auf den Postern. Jetzt ist Hertha BSC aus Berlin (am Mittwoch um 20 Uhr) dran, so suggeriert es das selbstbewusste, etwas umformulierte und fast ungeduldig wirkende Her damit. Als könnten sie es kaum abwarten, dem nächsten Großen das Fell über die Ohren zu ziehen.

Die Kickers haben reichlich Nachholbedarf. Und vor allem deshalb wird in diesen Tagen kräftig an die große Zeit der Blauen erinnert: an das Pokalfinale 1987, als die Schwaben dem großen Hamburger SV 1:3 unterlagen. Oder an die beiden Spielzeiten in der Bundesliga. 1987 und 1990 stiegen die Kickers in die Bundesliga auf – und gleich im nächsten Jahr jeweils wieder ab.

Auf dem schmucken, fast idyllisch anmutenden Vereinsgelände, das direkt unter dem Stuttgarter Fernsehturm liegt, steht Robin Dutt, der Trainer der Kickers und so etwas wie der Star des Klubs. Seit Wolfgang Wolf, der zwischen 1994 und 1998 Trainer war, ist er der erste Coach, der 100 Spiele überstand, der siebte in der Vereinsgeschichte überhaupt. Es ging turbulent zu im Verein, in dem einst Jürgen Klinsmann, Guido Buchwald und Fredi Bobic spielten. Hannover 96 wollte ihn im September holen. Die Niedersachsen luden den 41-Jährigen zu Gesprächen ein. Er sagte seinem Präsidenten Hans Kullen Bescheid und fuhr nach Hannover, obwohl er wusste, dass er nicht die erste Wahl war, sondern Dieter Hecking ganz oben auf der Liste der 96er stand. In Stuttgart sind trotzdem einige richtig erschrocken, dass der Abgang des erfolgreichen Trainers drohte. Dutt kam wieder, hatte seinen Bekanntheitsgrad noch einmal gesteigert und sagte: „Ich bin hier nicht der Alleinunterhalter, es gibt viele, die dazu beigetragen, dass dieser Klub wieder atmen kann.“

Verschwunden waren die Kickers aus der öffentlichen Wahrnehmung, die Insolvenz drohte und so ziemlich alles lag am Boden. Axel Dünnwald-Metzler trat nach 24 Jahren an der Klubspitze aus gesundheitlichen Gründen im Juli 2003 zurück. Der Präsident hatte Millionen in den Verein gepumpt, man kann auch sagen: Dünnwald-Metzler war die Kickers.

Sein Nachfolger Hans Kullen musste sparen. Das, so heißt es in vielen Klischees, könnten die Schwaben besonders gut. Kullen aber musste so kräftig sparen, dass es schon schmerzte. Die Stadt Stuttgart kaufte den ADM-Sportpark und bewahrte die Kickers vor dem Aus. Ein Namenssponsor wurde für das Stadion gefunden, der zudem einiges Geld in die Nachwuchsarbeit steckt. Im Herbst 2006 laufen die Jugendlichen aus dem D-, C-, B- und A-Kader des Vereins wieder in ihren Kickers-Trainingsjacken durch die Stadt.

Der Etat beträgt 2,2 Millionen Euro, ein Minietat selbst in der Regionalliga, aber der Verein hat Robin Dutt. Der gilt als jemand, der seinen Weg nach oben machen wird. Dutt ist modern in der Trainingsarbeit, er findet die richtige Mischung aus Autorität und Nähe zu den Spielern und war zudem Jahrgangsbester des Trainerlehrgangs, in dem auch Jürgen Klopp, der Trainer von Mainz 05, saß. Doch jetzt haben die Kickers eine kleine Krise, sie haben seit fünf Spielen nicht mehr gewonnen und sind auf den vierten Tabellenplatz zurückgefallen. Acht Spieltage lang waren sie Tabellenführer, lange die einzige Mannschaft in der Regionalliga, die noch nicht verloren hatte. Durch das Pokalspiel gegen Hertha kommen die Kickers jetzt wieder ins Fernsehen. Und, was noch viel wichtiger erscheint, die zweite Pokalrunde spült zusätzliche Euros, rund 110 000 sollen es sein, in die Kasse. Wie gegen den HSV, als das Stadion der Kickers seit 15 Jahren zum ersten Mal wieder ausverkauft war.

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