Sport : Herr über alle Kaffeetassen

Giovanni Trapattoni ist in Deutschland berühmt, aber nicht glücklich geworden. Heute kehrt er für ein Spiel zurück

Helmut Schümann

Im Hotel Bachmair, draußen am Tegernsee, wo Bayern München lange Jahre Residenz nahm vor den Heimspielen, sind schon viele Tassen und Kännchen verrückt worden. Taktikbesprechung nannte sich der Kaffeeklatsch. Trainer Erich Ribbeck versuchte sich weiland auf diese Weise auf weißem Tischtuch an der Viererkette, eine für seine Möglichkeiten und Kenntnisse doch arg komplizierte Abwehrformation. Der Versuch schlug fehl, der Spieler Jan Wouters rettete die einheimischen Kaffeekännchen vor dem Debakel, indem er Milchdöschen aufs theoretische Spielfeld beorderte: „Trainer, Sie haben die Abdeckung nach hinten vergessen.“ Anschließend durfte die Bedienung das Porzellan abräumen.

Oder Otto Rehhagel. Der beanspruchte gerne das Zuckerdöschen und postierte es an den Tischrand, da, wo das Spielfeld beendet ist und von wo er, der Trainer, das Kommando gibt. Keiner aber handhabte das Hotelgeschirr so virtuos wie Giovanni Trapattoni. Da wirbelten Tassen um Untertassen herum, brach sich die Kaffeekanne Bahn zwischen der fülligen Teekollegin und der kleinen von der Milch, angefeuert zudem vom lautstarken Italodeutsch des Trainers – nicht nur einmal zuckte das Hotelpersonal erschrocken zusammen, in großer Furcht, Trapattonis Taktikbesprechung ende in einem Scherbenhaufen. Allein, keiner verstand Trapattoni, und vielleicht lag es daran, dass tags darauf beim Spiel im Olympiastadion zumeist nichts mehr zu sehen war vom wirbelnden Kombinationsspiel, sondern die Bayern ihre Siege mit einem Fußball einfuhren, der anzusehen war, wie kalter Kaffee schmeckt.

Giovanni Trapattoni, heute in Stuttgart beim Länderspiel der Deutschen verantwortlich für Gegner Italien, ist nach seinem Gastspiel in der Bundesliga anderweitig in Erinnerung geblieben. Als Mann, der Thomas Strunz berühmt machte, der die Ruckrede des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog ins Fußballstadion weitertrug und Schlagworte wie „Flasche leer“ und „habe fertig“ ins Plattitüdendeutsch einführte. Diese berühmte Rede – bis heute ist ungeklärt, ob es sich dabei um einen cholerischen Anfall oder eine übertemperierte, aber kalkulierte Attacke wider die Spielerherrlichkeit handelte – hat Trapattoni populär gemacht, in die Harald-Schmid-Show gebracht und mit seinem gebrochenen Deutsch („Isse so cremig“) ins Werbefernsehen. Und vor allen Dingen hat sie verhindert, dass noch irgendjemand über Trapattonis Fußballphilosophie spricht. Dabei dürfte selten einmal ein Trainer dem Spiel und dem Spaß am Spiel derart den Garaus gemacht haben wie Giovanni Trapattoni. Damit ist er einmal Meister geworden mit den Bayern, 1997, aber München nicht glücklich mit ihm. Damit ist er siebenmal Meister geworden in Italien und zweimal Pokalsieger und gewann damit auch alle drei möglichen Europapokale, aber nicht die Herzen der Italiener. „Angsthasencalcio aus der Steinzeit des Catenaccio“ schrieb die Italien-Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ in diesen Tagen, ist es, was Trapattoni Italien zumutet.

Damit war es fast vorbei, als die Italiener im vergangenen Jahr bei der WM in Asien an Südkorea scheiterten. Er hatte bei dem Turnier verkehrt gemacht, was verkehrt zu machen war, hatte vier der weltbesten Offensivakteure zur Auswahl, Vieri, del Piero, Totti, Inzaghi, aber er ließ sie nicht spielen oder nur sporadisch. Wäre da nicht Schiedsrichter Byron Moreno aus Ekuador gewesen, der einem Golden Goal von Tomassi die Anerkennung verweigerte und Totti später noch vom Platz stellte, wäre auch Trapattoni nicht mehr zu helfen gewesen. So aber hatten die Italiener ihren Schuldigen und brauchten sich nicht am Fußballzyniker und netten Menschen Trapattoni zu vergreifen.

Ein netter Mensch nämlich ist Trapattoni allemal. Eloquent, liebenswert, charmant – als die Bayern ihn 1994 erstmals unter Vertrag nahmen, wähnten sie sich angekommen in der wirklich großen Welt der Seriosität. Nur hat es nicht funktioniert, der mangelnden Sprachkenntnisse wegen, wie Trapattoni damals nach seinem ersten Abgang 1995 bilanzierte. Ein Jahr später war er wieder da, hatte sich sprachlich erheblich verbessert, nur fußballphilosophisch war er auf dem gleichen Stand geblieben. Was dann erneut scheiterte. Man redet nur nicht darüber. Heute Abend in Stuttgart auch nicht, wenn Italiens Spiel wieder so gar keine Ähnlichkeit hat mit dem wirbelnden Kombinationsspiel der Tassen und Kaffeekännchen.

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