Sport : Herr Ullrich sucht das Glück

Wie der deutsche Radstar sich den Streit um den Lizenzentzug seines neues Teams nicht anmerken lassen will – Beobachtungen in der Toskana

Hartmut Scherzer

Montecarlo Lucca. „Das macht er nie“, sagt Wolfgang Strohband und winkt ab. Da kennt der Manager aber seinen Mandanten schlecht. Jan Ullrich entblößt den muskulösen Oberkörper und lässt sich in fettige Fahrradketten legen. Fototermin in der Toskana. Nicht für einen Sponsor oder einen Werbegag, sondern für ein Hochglanz-Magazin und dessen Rubrik „Menschen" stellt sich der Radprofi in Arnold-Schwarzenegger-Pose. Locker steht Ullrich in einem improvisierten Studio 90 Minuten lang Modell für die Story mit dem hoch intelligenten Titel: „Ullrich sprengt die Ketten.“ Mit diesen Ketten sei er nach Unfallflucht, Alkohol am Steuer, Drogenaffäre, Dopingsperre und seinem Bruch mit dem Team Telekom gefesselt gewesen. Nun ja.

„Wenn ein Mensch nicht mehr machen kann, was ihn ausfüllt, ist er nicht mehr derselbe", sagt Ullrich erst mal allgemein. Und dann wird er konkret und redet von sich: „Man kommt auf dumme Gedanken und gerät in eine Mühle.“ Er schluckte Amphetamine, das meint er mit dummen Gedanken. Ganz wichtig ist ihm deshalb der Hinweis: „Das war kein Doping. Von meinen Konkurrenten wird keiner sagen: ,Der Arsch hat betrogen.’" Vielmehr glaubt der Tour-Sieger von 1997, die Reaktion im Fahrerlager zu kennen. Und die sei positiv: „Schön, dass er sich wieder aufrappelt." Ja ,so denken die Ullrich-Gegner. Denkt jedenfalls Ullrich.

In der Toskana arbeitet der 29-Jährige an seinem Comeback mit ungewohnter Lockerheit und positiver Einstellung – trotz des lange verletzten rechten Knies, das er noch nicht so belasten darf, wie er gerne möchte. „Mein rechtes Bein“, sagt Ullrich, „fühlt sich noch nicht wieder an, als wäre es meins. Ich muss erst noch meinen Körper wieder als Einheit erkennen.“ Mit seiner Psyche dagegen ist er klar. Er hat Vorstellungen und feste Vorsätze für seine Rückkehr. „Ich werde mich nicht mehr drängen und zu Fehlern im Aufbau zwingen lassen, nur weil jemand von mir erwartet, dass ich die Tour de France gewinne." Mag die Tour im Sommer auch 100. Geburtstag feiern und der US-Amerikaner Lance Armstrong seinen fünften Sieg anstreben, es ist nicht Ullrichs Ehrgeiz, wieder den „ärgsten Gegner" abzugeben. „Ich nutze dieses Jahr, um 2004 wieder ganz nach oben zu kommen." Am nächsten Sonntag endet seine Sperre. Im April will der Rückkehrer in den Rennbetrieb einsteigen und „peu à peu an die Weltspitze heranfahren". Er hat sich eine lange Saison vorgenommen und trainiert nicht wie in der Vergangenheit nur auf die Tour hin. „Es gibt im Herbst eine Weltmeisterschaft in Kanada. Wenn ich dort wieder zur Weltklasse zählte, wäre ich glücklich." Hört sich gut an. Allerdings weiß Ullrich auch ganz genau, dass sich sein Marktwert und seine früher ungemein große Popularität allein von der jetzt so wenig geschätzten Tour de France ableitet.

Aber Ullrich ist auch jetzt schon glücklich in der Toskana, in dieser frühlingshaften Idylle auf dem romantischen Land- und Weingut Fattoria La Torre unterhalb des malerischen Bergdorfes Montecarlo. Dort wohnt er mit seiner Freundin, dort radelt er im ungewohnt himmelblauen Trikot zusammen mit seinem neuen Teamkollegen Tobias Steinhauser die Via Provinciale hinunter. Manchmal schließt sich Michele Bartoli an. Rudy Pevenage, den Ullrich nach Weihnachten als persönlichen sportlichen Leiter von Telekom weggelotst hat, folgt im Coast-Renault.

„Das Knie hält hervorragend“, teilt der Rekonvaleszent dann am späten Nachmittag, nach dem Training, mit. Ullrich hat dann 150 Kilometer in moderatem Tempo in fünf Stunden zurückgelegt. Sein belgischer Freund Pevenage läuft derweil mit dem Handy am Ohr herum, um all die schlechten Nachrichten aus Deutschland abzuhören und zu kommentieren. Lizenzentzug. Es ist nicht das Knie von Ullrich, es ist Coast, das Team, das den Frieden der Trainingsgemeinschaft in der Toskana stört.

Dass so eine Nachricht die Moral verringere, sei doch ganz logisch, sagt Ullrich zum Coast-Chaos. Sein Trainingsalltag aber werde davon nicht beeinflusst. „Ich bereite mich, egal was passiert, weiter gewissenhaft auf mein Comeback vor." Coast-Chef Günther Dahms forderte bis zur Klärung all der finanziellen Ungereimtheiten mit dem Radsport-Weltverband UCI von seinem teuersten Personal, sich mit negativen Äußerungen gefälligst zurückzuhalten. Mit Bemerkungen wie sie Pevenage in der „FAZ“ gemacht hatte: „Wenn Herr Dahms die pünktlichen Zahlungen zum Ende des Monats nicht hinkriegt, dann wäre es besser, gleich zu sagen: Ich mache zu." Ullrich beklagt auf seiner Homepage „den Imageverlust für das Team. Die Teamleitung muss schnellstens dafür sorgen, dass die Probleme ein für allemal aus der Welt geschafft werden." Es fehlt die Warnung „sonst...“

Abends, nach der Knie- und Knochenarbeit beim Physiotherapeuten Philip Herzberger, gehen sie ins Ristorante zu Pasta und Rotwein. Die gelöste Stimmung der ersten Wochen aber ist etwas verflogen. Jan Ullrich und Rudy Pevenage haben kein rechtes Vertrauen mehr in das Unternehmen Coast. Den Wechsel bereut? Ein neues Team? Gemäß der Dahms-Direktive hält sich Jan Ullrich zurück: „Wir müssen abwarten und hoffen, dass alles wieder in Ordnung kommt. An eine neue Mannschaft denke ich noch nicht. Derzeit kann ich nichts sagen. Ich kann nichts bereuen, ich kann nichts toll finden."

Sein Marktwert ist immer noch groß genug, um einen anderen lukrativen Vertrag zu erhalten.

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