Sport : Herrlich, eine Prügelei!

Australian Rules Football ist der einzige echte australische Sport – gestern war das Finale

Alexander Hofmann[Sydney]

Man stelle sich das einmal vor: Bei den bayerischen Meisterschaften im Fingerhakeln kämpfen ein Mann aus Osnabrück und einer aus Berlin-Wilmersdorf um den Titel. Kaum auszudenken! Ähnlich geschockt reagierten die Bewohner Melbournes, als feststand, dass zum ersten Mal kein Team aus ihrem Bundestaat Victoria im Grand Final im Australian Rules Football vertreten war. Trotzdem kamen gestern 80 000 Zuschauer in den Melbourne Cricket Ground – letztlich scheint egal, wer spielt. In Melbourne gilt das Motto: „Too much footie is never enough“ (zu viel Fußball ist niemals genug). Besonders glücklich waren die Fans, die aus dem 700 Kilometer entfernten Adelaide kamen: Ihr Team Port Adelaide siegte 113:73 gegen die Brisbane Lions, deren Anhänger einen noch 1000 Kilometer längeren Weg hinter sich hatten. Zehntausende feierten in Adelaide, wo 8000 Zuschauer im Regen zum Abschlusstraining gekommen waren.

„Aussie Rules“ oder einfach „Rules“ ist der einzige echt australische Sport, der auf dem sportverrückten fünften Kontinent gespielt wird. Zusammengebastelt aus Rugby- und Fußballelementen begann er vor knapp 150 Jahren wenig spektakulär als Winter-Fitnesssport für Cricketspieler. Heute setzt die Australian Football League mehr um als jeder andere Profisport in Australien.

Nicht geändert haben sich die Anforderungen an die Spieler, die zu den fittesten Teamsportlern gehören, die man sich vorstellen kann. Zwar hat jedes Team 18 Akteure, dafür ist das Feld aber 130 Meter lang, und jeder Spieler, der im Ballbesitz ist, kann mit fast allen Mitteln gestoppt werden. Gestern leuchteten die Augen der alten Footiefans: Schon lange hat es in einem Endspiel keine so herrlichen Prügeleien gegeben. Viele Oldtimer behaupten, aus ihrem „Spiel für richtige Männer“ sei durch Veränderung der Regeln und Überwachung mit Fernsehkameras ein Spiel für Weicheier geworden, die wegen eines einzigen ins Gesicht gerammten Ellbogens in völlig ungerechtfertigtes Wehgeschrei ausbrächen. Früher sei alles anders gewesen, da habe man nach alttestamentarischen Grundsätzen gespielt: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Dem Footie-Neuling kommt der Sport auch heute noch rau vor, kaum zu glauben, dass nicht die halbe Mannschaft vom Feld getragen wird.

Erfreulicherweise beschränkt sich die brutale Auseinandersetzung aufs Spielfeld. Zäune sind bei der uraustralischen Sportart unbekannt. Als vor einigen Jahren Angreifer Tony Lockett den seit Jahrzehnten gültigen Punkterekord der Liga brach, stürmten 30 000 seiner besten Freunde aufs Feld, um ihm persönlich zu gratulieren. Danach sind sie wieder brav auf ihre Plätze marschiert.

Am spektakulärsten ist „Rules“, wenn sich einer der langen Akteure in die Luft schraubt oder sich gar vom Rücken eines Gegenspielers in die Luft katapultiert, um den Ball zu fangen. „When big men fly“, wenn die großen Männer fliegen, lautet denn auch die bekannteste Liebeserklärung. Und im Ersten Weltkrieg benutzten sogar australische Soldaten eine Anfeuerung aus dem Fußball als Schlachtruf. „Up there Cazaly“, war auf dem Spielfeld der berühmte Spieler Roy Cazaly angefeuert worden, zu denselben Worten stürmten die Australier aus den Schützengräben in Frankreich oft in den Tod.

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