Sport : Herrn Schultzes Gespür fürs Spiel

Benedikt Voigt

Das Cafe "Falkman" besitzt für Sven Schultze einen entscheidenden Vorteil: Es liegt nur 30 Meter vom Spielereingang der Max-Schmeling-Halle entfernt. Das ist der Grund, warum er diesen Treffpunkt gewählt hat. Um zehn Uhr steht der Forward von Alba Berlin vor dem "Falkman", und als er sich auf einem Platz am Fenster niederlässt, kündigt er bereits das Ende des Gesprächs an. "Um zehn Uhr dreißig habe ich Individualtraining", sagt er und erklärt, "ich mache Schusstraining, ungefähr 250 Treffer, das sind 400 bis 450 Würfe." Es ist ein freiwillige Übungsstunde, die die Spieler von Alba Berlin vor dem Vormittagstraining absolvieren, doch momentan nehmen nur zwei Spieler diese Gelegenheit auch wahr: Jörg Lütcke und Sven Schultze.

"Sven hat eine tolle Einstellung", sagt Trainer Emir Mutapcic, "egal, was wir trainieren, er hat immer Lust dazu." Der 2,06 Meter große Bamberger zählt zu den trainingsfleißigsten Spielern von Alba Berlin. "Er ist der Einzige, der bisher alle Trainings mitgemacht hat", lobt Mutapcic. Das liegt jedoch auch daran, dass Alba in dieser Saison von einem ungewöhnlichen Verletzungspech verfolgt wird. Im heutigen Euroleague-Spiel gegen Benetton Treviso (20 Uhr, Max-Schmeling-Halle) müssen die Berliner auf Mithat Demirel (Meniskusoperation) und Marko Pesic (Schulterzerrung) verzichten, Stefano Garris und Henrik Rödl sind angeschlagen, werden aber voraussichtlich spielen. Alba sah sich wegen der Verletzten sogar nach neuen Spielern um, fand aber keinen, der den Verein kurzfristig verstärken könnte. "Wir müssen unsere Probleme von innen lösen", sagt Mutapcic. Einer, der sich dafür anbietet, heißt Sven Schultze.

Schultzes Vertrag bei Alba läuft nach dieser Saison aus, weshalb er sich in diesem Sommer einiges vorgenommen hat. Ein Erlebnis Anfang September förderte diese Einstellung nur. Er saß im Vereinsrestaurant "Albatros" vor dem Großbildschirm und sah, wie sich die deutsche Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft 2002 in Indianapolis qualifizierte. "Als ich die Jungs spielen sah, habe ich mir gedacht, da könntest du auch mitspielen." Kein unrealistisches Ziel, zumal der Bundestrainer sagt: "Sven Schultze kann in Zukunft für die Nationalmannschaft interessant sein." Allerdings schränkt Henrik Dettmann ein: "Er muss im Verein auch Spielzeit bekommen." Das ist momentan wegen der vielen Verletzten auch der Fall. In Istanbul (72:75) stand er 26 Minuten auf dem Feld und erzielte 13 Punkte. Gegen Braunschweig (92:58) reichte es in 21 Minuten für fünf Punkte. Dass es in der aktuellen Saison gut läuft für ihn, überrascht ihn nicht. "Der Fleiß zahlt sich irgendwann aus."

Schultze übernimmt mehr und mehr Verantwortung, doch ein Leistungsträger ist er noch nicht. "Sein Problem ist im Kopf", sagt Mutapcic und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. "Er ist oft übermotiviert." Sven Schultze möchte zu viel auf einmal machen, erst den Dreipunktewurf und dann den Hakenwurf gleich hinterher. Oft geht das schief. "Ich muss die einfachen Sachen machen", weiß Schultze. Doch manchmal geht die Leidenschaft mit ihm durch. Auch auf der Ersatzbank. Dort brüllt, schreit und jubelt er bei nahezu jeder Aktion seiner Mannschaft. "Jubelaugust" hat ihn ein Fan deshalb im Internet genannt, weil er in der vergangenen Saison - seiner ersten ohne Doppeleinsätze beim Zweitligisten TuS Lichterfelde - eher durch das Rumgehopse an der Seitenlinie auffiel als durch gute Leistungen. "Er will nicht Theater machen", erklärt Mutapcic, "er hat dieses Gefühl in sich drinnen."

Sein Gespür und Leidenschaft für das Spiel soll den Berlinern nun gegen Treviso helfen. Nach drei Niederlagen in Folge droht Alba die Zwischenrunde in der Euroleague zu verpassen. "Es ist jetzt angebracht, mal zu gewinnen", sagt Schultze. Dann steht er auf, und joggt in Richtung Max-Schmeling-Halle. Es ist zehn Uhr dreißig.

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